Klimaschutz: Drastischer Co2-Rückgang? Stimmt – ist aber Augenwischerei

2023 hat Deutschland so viel Klimagas eingespart wie seit 1990 nicht mehr. Dürfen wir uns also stolz auf die Schultern klopfen? Eher nein. Fünf Fragen, fünf Antworten.

Es klingt wie eine perfekte News für die Ampel: „Im Jahr 2023 emittierte Deutschland 10,1 Prozent weniger Treibhausgase (THG) als 2022″, meldet das Umweltbundesamt (UBA). Das sei „der stärkste Rückgang seit 1990“. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zeigt sich begeistert: „Deutschland ist auf Kurs – erstmals.“ Er prognostiziert: „Wenn wir Kurs halten, erreichen wir unsere Klimaziele 2030.“

Dass der verantwortliche Minister Habeck, gebeutelt von schlechten Umfragen, die Lage so einschätzt, ist nicht überraschend. Nur leider stimmt die Analyse des Grünen nicht. Denn der Co2-Rückgang hat mit der Klimapolitik der Ampel allenfalls am Rande zu tun. Er resultiert vor allem aus den globalen Krisen, die Deutschland heftig getroffen haben. Das zeigt auch der Bericht des UBA – wenn man ihn genau liest.

Klimawandel in Europe: der EUCRA-Risikobewricht 18.57

Umweltschützer zeigen sich empört über so viel Euphorie des UBA und der Grünen. Viviane Raddatz, Klimachefin beim WWF Deutschland, sagt: „Jede Freude über den deutlichen Emissionsrückgang und wirkende Klimaschutzmaßnahmen bleibt schnell im Halse stecken. Denn der Blick auf die Ursachen offenbart: Hier schlagen sich politische und wirtschaftliche Krisen nieder, statt Wille zur Transformation und strukturelle Klimaschutzmaßnahmen in allen Sektoren.“ Martin Kaiser, geschäftsführender Vorstand von Greenpeace Deutschland, mahnt: „Niemand darf eine kriselnde Wirtschaft mit Klimaschutz verwechseln!“

Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:

 Wie kommt es zu dem CO2-Rückgang?

Der wesentliche Teil stammt aus Produktionsrückgängen in der energieintensiven Industrie (Stahl, Glas, Zement). Das ist kein Erfolg, sondern ein ökonomischer Rückschlag, der durch den Ukrainekrieg und die Energiekrise ausgelöst wurde. Sie ließen die Nachfrage nach Industriegütern einbrechen. Deshalb wurde die Produktion runtergefahren, und die Kraftwerksbetreiber konnten weniger Strom oder Prozesswärme an die Unternehmen liefern. Vor allem wurden so weniger fossile Brennstoffe, also Gas, Kohle und Öl verbrannt.

Haben auch die Privathaushalte gespart?

Ja. Dass die Emissionen in Privathaushalten gesunken sind, lag laut UBA aber nicht daran, dass sie massenhaft auf klimafreundliche Technik umrüsten, sondern vor allem an den warmen Wintern und den hohen Energiepreisen. Die Rechnungen der Versorger nötigten Verbraucher dazu, die Heizungen runterzufahren und öfter das Licht auszuschalten. Der Trend dreht sich gerade wieder: Wollten Ende 2022 noch 43 Prozent der Deutschen Energie sparen, sind es nun, da Strom- und Gaspreise fallen, nur noch 29 Prozent.

Liegt es an den Windrädern und PV-Anlagen, dass wir vorankommen?

Einerseits gibt es eine wirklich gute Nachricht: Der Anteil an Erneuerbaren Energien bei der Erzeugung von Strom ist 2023 von 46 auf 56 Prozent gestiegen. Andererseits: Energie ist auch Wärme, da gibt es einen solchen Fortschritt nicht. Dort geht es vielmehr nur sehr schleppend voran. Das ist bedenklich, weil Heizen (und Kühlen) rund 30 Prozent der gesamten deutschen CO2-Emissionen verursachen. Das neue Gebäudeenergiegesetz mit seinen üppigen Subventionen konnte nicht überzeugen. Von den Heizungen, die 2023 in deutschen Haushalten verbaut wurden, laufen 70 Prozent mit Gas und Öl. Bei Wärmepumpen und anderen klimafreundlichen Heiztechniken sind die Deutschen weiter sehr sperrig.

USA Reise Robert Habeck

Wie steht es um den Verkehrssektor?

Dort herrscht die größte Trostlosigkeit. Der Versuch, den Verkehr auf E-Mobilität umzubauen, droht gerade zu scheitern. Die Verkaufszahlen für E-Autos brechen ein. Auch das UBA sagt, dass der Verkehrssektor „sein Ziel deutlich verfehlt und sich weiter vom gesetzlichen Zielpfad entfernt“.

Liegen wir wirklich gut im Zeitplan, wie Habeck behauptet?

Mit dieser Einschätzung steht Habeck ziemlich allein da. Forscher, Energiemanager und Investoren sehen das anders, sie befürchten: Es wird sehr, sehr eng. Georg Stamatelopoulos, Vorstand beim Energiekonzern EnBW, sagt dem stern zum anvisierten früheren Kohleausstieg 2030: „Das Vorhaben ist überaus ambitioniert. Wir haben immer gesagt, dass es für einen beschleunigten Kohleausstieg deutliche Fortschritte beim Ausbau der Erneuerbaren und der Netze braucht.“ 

Doch trotz ein paar Lichtblicken hängen wir überall den Zielen des gültigen Klimaschutzgesetzes hinterher, bei Windkraft, Photovoltaik, Stromleitungen und Gaskraftwerken, die später mit grünem Wasserstoff laufen können. Zwar beschließt die Bundesregierung immer neue Beschleunigungsgesetze, aber die müssen eine durchschlagende Wirkung erst noch unter Beweis stellen.

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Obwohl also die schlimmen Zeiten den Deutschen das CO2-Sparen aufgezwungen haben, kommt UBA-Präsident Dirk Messner zum Schluss, die Klimaziele 2030 seien wohl erreichbar, „wenn wir weiter so ambitioniert am Klimaschutz arbeiten.“ So „ambitioniert“? Das bildet die Wirklichkeit leider noch nicht ab. Messners Behörde ist nominell unabhängig und leistet in der Regel auch saubere, gute Arbeit. 

Aber man sollte zumindest im Hinterkopf haben: Es ist dem Bundesumweltministerium unterstellt. Und das wird von der grünen Ministerin Steffi Lemke geführt.

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