Sonderermittler: Interview mit dem Präsidenten: Joe Biden, ein älterer Mann mit schlechtem, aber fotografischem Gedächtnis

In der sogenannten Dokumentenaffäre wurde Joe Biden in einem Untersuchungsbericht entlastet – und gleichzeitig als leicht seniler Mann dargestellt. Jetzt wurde das ganze Gespräch veröffentlicht: Der wirft ein milderes Licht auf den US-Präsidenten.

Es war ein kurzer, klarer Satz, der ein 388-seitiges Berichtsungetüm treffend wie uncharmant zusammenfasste: „Er ist ein sympathischer, wohlmeinender, älterer Mann mit einem schlechten Gedächtnis.“ Das schrieb Robert Hur im Februar über US-Präsident Joe Biden, nachdem der Sonderermittler den 81-Jährigen zwei Tage lang zur „Dokumentenaffäre“ befragt hatte. Was genau hatten Staatsgeheimnisse in einer Garage neben Bindens 1967er Corvette Stingray zu suchen, wollte Hur dabei eigentlich wissen.

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Joe Biden handelte nicht aus Bösartigkeit

Die ganze Antwort des US-Präsidenten protokolliert auf fast 400 Seiten lässt sich nachlesen. Das US-Justizministerium hat die Abschrift jetzt veröffentlicht. „Der Präsident wirkt nicht so zerstreut, wie Hur ihn dargestellt hat – und Hur wirkt nicht so krass, wie Biden ihn dargestellt hat“, schreibt die „Washington Post“, die den Bericht ausgewertet hat. Die Ironie an der Untersuchung: Der Sonderermittler konnte Joe Biden kein Fehlverhalten nachweisen, haute ihn aber dennoch in die Pfanne. Denn hinter den nachlässig behandelten Dokumenten stecke keine bösartige Absicht, sondern bloß Vergesslichkeit.

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Joe Biden reagierte mit Empörung: „Ich weiß, was zum Teufel ich tue. Ich bin Präsident und ich habe dieses Land wieder auf die Beine gebracht“, sagte er aufgebracht vor Journalisten kurz nach Vorstellung des Berichts. Seit diesem Auftritt haben sich die Wogen etwas geglättet, mittlerweile dreht der US-Präsident den Spieß einfach um und witzelt in Wahlkampfauftritten über sein Alter. Zu Scherzen war ihm offenbar auch bei der Befragung durch Robert Hur zumute: „Das FBI kennt mein Haus besser als ich“, sagte er über die Durchsuchung durch die US-Bundespolizei. Und: „Ich hoffe, ihr habt keine schlüpfrigen Bilder von meiner Frau im Badeanzug gefunden.“

Darf so jemand über den Einsatz von Atomwaffen entscheiden?

Die eigentliche Frage, warum Biden in seiner Zeit als US-Vizepräsident überhaupt geheime Regierungsunterlagen mit nach Hause genommen hatte, konnte er allerdings nicht beantworten. Er wisse schlicht nicht, wie seine Mitarbeiter mit Verschlusssachen umgegangen seien und wie die letztlich in seiner Garage gelandet waren. Und sollte er es je gewusst haben, dann habe er es vergessen. Biden habe aber Wert auf die Tatsache gelegt, dass er nach seinem Ausscheiden aus dem Amt nie absichtlich geheime Dokumente aufbewahrt habe. 

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Beunruhigt hatte das Interview mit dem Chef dessen Weißen Hauses auch deswegen, weil sich Biden nicht einmal an einschneidende persönliche Schicksalsschläge erinnern konnte. Wie den Tod seinen Sohnes Beau im Jahr 2015 als er selbst an der Seite Barack Obamas das Land regierte. Kann, soll, darf so jemand ein Land wie die USA regieren? Eine der größten Armeen der Welt befehligen? Über den Einsatz von Atomwaffen entscheiden?

Ein Mann mit alterstypischen Marotten

Aus der Gesprächsabschrift wird aber deutlich, dass Bidens Erinnerung längst nicht so getrübt ist, wie es zunächst den Anschein hat. „In welchem Monat ist Beau gestorben?“ fragt Robert Hur. Die Antwort: „Oh Gott, 30. Mai.“ Das Jahr nannte der Staatschef erst auf Hinweis von Anwesenden. Zu der Zeit habe sein Sohn im Sterben gelegen, so Biden, zudem habe er mit sich gerungen, ins Rennen um die US-Präsidentschaft einzusteigen. Letztlich trat ein Jahr später Hillary Clinton für die Demokraten an.

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Robert Hurs Bericht zeichnet das Bild eines Mannes, der alterstypische Marotten aufweist: wie zum Beispiel ausschweifende Erzählungen, sowie zahlreiche politische Einschätzungen, die nichts mit dem Thema zu tun haben. Sehr oft hat Biden offenbar auch versucht, den Sonderermittler vollzuquatschen. So nahm sich der US-Präsident einmal zehn Minuten Zeit, nur um von der Verabschiedung des Gesetzes gegen Gewalt gegen Frauen zu erzählen oder von seinen ersten Job nach dem Jurastudium. 

„Fotografisches Verständnis seines Hauses“ 

Dass es trotz seiner Erinnerungslücken und öffentlichen Aussetzer doch nicht ganz so fürchterlich um den Zustand des 81-jährigen Chef des Weißen Hauses bestellt ist, legt ein Zitat aus der „New York Times“ über den veröffentlichten Bericht nahe: „Als Herr Biden eine ausführliche Beschreibung des Grundrisses seines Hauses in Delaware lieferte, bemerkte Herr Hur, dass Herr Biden offenbar „ein fotografisches Verständnis seines Hauses hat“.

Quellen: „Washington Post“, CNN, „New York Times„, NPR, DPA, AFP, Reuters

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