Hamburger Rentnerin: Elke Renate, 77, kann nicht mehr reisen, deshalb lädt sie die Welt zum Couchsurfen zu sich ein

Elke Renate Kruse lädt Fremde aus aller Welt zu sich nach Hause ein. Und auch die wollen etwas zurückgeben: Sie helfen der Rentnerin im Haushalt.

Elke Renate Kruse, 77, kann nicht mehr verreisen. Ihr fehlt das Geld dafür, ihre Rente gibt das nicht her. Und mit dem Alter kommen die Wehwehchen, vieles wird anstrengender, sagt sie und zuckt die Schultern, als wolle sie damit sagen: So ist das eben. 

Aber die Hamburgerin ist einfallsreich. Nur weil sie selbst nicht mehr so viel rauskommt, wie sie gern möchte, muss sie nicht auf neue Begegnungen verzichten.

Und deshalb lädt sie Menschen aus aller Welt zu sich ein. Fast jeden Monat bekommt sie Besuch. Mal via Couchsurfing, mal via BeWelcome oder über WorkAway. Überall dort ist die Rentnerin angemeldet. 

Elke Renate Kruse ist ein Sonnenschein, sie liebt kräftige Farben wie grün und gelb
© Gerrit-Freya Klebe / stern

Für ihre Gäste hat sie gleich zwei Zimmer eingerichtet. Eines im Obergeschoss und eines im Dachgeschoss ihres Hauses. Früher haben dort ihre drei Kinder gewohnt, zwei Söhne und eine Tochter hat sie. Doch die sind inzwischen selbst erwachsen, kommen nur manchmal zu Besuch. 

Einen Wasserkocher, eine Dose mit verschiedenen Teesorten, mehrere Handtücher und Karten mit Ausflugstipps hat Elke Renate in die Zimmer gestellt. Auch einen gedeckten Frühstückstisch hat sie für ihre Besucher. 

Bei heißem Tee kommt sie mit den meisten ins Gespräch und erfährt so Geschichten aus anderen Ländern. Auch ihr Haus lädt zum Reden ein. In jedem Zimmer hängen selbst gezeichnete Bilder. Manche sind aus Träumen entstanden, andere inspiriert von Reisen. Denn auch Elke Renate ist früher viel gereist, durch die Türkei zum Beispiel.

Sieben Jahre hat sie in Paraguay gelebt, hat dort als Kindergärtnerin in einer Einrichtung gearbeitet von 2006 bis 2013. Sie wollte nochmal rauskommen, nochmal was erleben. Als Mutter von drei Kindern hat sie ihr Leben oft nach ihrer Familie ausgerichtet. Elke Renate wäre noch länger in Paraguay geblieben, doch ihre Kinder wollten, dass sie wieder zurück nach Deutschland kommt.

In diesem Zimmer im Dachgeschoss dürfen die Gäste schlafen
© Gerrit-Freya Klebe / stern

Dort, am anderen Ende der Welt, hat sie auch das erste Mal von Couchsurfing gehört. Sie mochte die Idee, denn sie interessiert sich ihr Leben lang für andere Lebensweisen und Kulturen. So entstand ihr Account.

Das ist inzwischen zehn Jahre her. Elke Renate besitzt immer noch das Grundvertrauen in ihre Gäste. Bereits bei der Ankunft bekommen alle einen Schlüssel zu ihrem Haus. Angst, dass jemand etwas klauen könnte, hat sie keine.

Ihr Haus hat sich inzwischen in ein Souvenir verwandelt. Ihr Flur zum Beispiel, der grüne Eingangsbereich, das hat ihr alles ein Besucher gestrichen. Mit Farbeimer und Pinsel hat er renoviert, hat leichtfüßig auf der Leiter gestanden. Ein anderer, ein Mann aus Neuseeland, hat ihr die Regenrinne repariert und das Haus in Sonnengelb angepinselt. Die Farbe hat es noch heute. Immer, wenn sie das Gelb sieht, erinnert sie sich, was er für gute Laune verbreitet hat. Eine ganze andere Mentalität habe der gehabt, sagt sie. An die Regenrinne ist sie selbst nicht mehr rangekommen. 

Während des Corona-Lockdowns hat ein Mann aus Ecuador drei Monate bei ihr gelebt. Eigentlich wollte er sich nur kurz Hamburg ansehen, doch dann konnte er nicht wieder weg. Und Elke Renate und er haben sich angefreundet. Es sind Menschen aus aller Welt, die kommen und Elke Renate Kruse besuchen. Sie helfen ihr, das Haus zu renovieren oder zu putzen. Hilfe gegen ein Bett und Essen. Lebensgeschichten gegen Freundlichkeit und ein offenes Ohr. Elke Renate wurde 1946 geboren, hat in ihrem Leben Armut erfahren, hat viel gefroren, bei einem Marmeladentoast und Tee erzählt sie davon. 

Einmal war eine Russin zu Gast, sie konnte nur Russisch und Italienisch sprechen. Auch das ging. Wenn Elke Renate mit Englisch und Spanisch nicht weiterkommt, dann eben mit Händen und Füßen. 

Doch nicht jeder Besuch verläuft harmonisch. Einmal hatte Elke Renate Angst. Es war ein Mann, ein Gast aus China. Es war sein Temperament, vor dem sie Angst hatte. Er blieb länger als vereinbart, brachte abends fremde Frauen mit ins Haus. Er wurde aufbrausend und laut gegenüber seiner Gastgeberin. Und das schon wegen Kleinigkeiten. Etwa, weil ihm die Internetverbindung nicht stark genug war und er nicht gut nach Hause telefonieren konnte. Sie sagt, sie hat aufgeatmet, als er wieder weg war.

Es ist eine Erfahrung, die sie vorsichtiger werden ließ. Inzwischen liest sie sich genau die Bewertungen auf den Plattformen durch, wenn sie eine Anfrage bekommt. Und sie schreibt selbst welche, das findet sie nur fair. Den Mann hat sie gemeldet, in der Hoffnung, dass andere nicht dieselbe Erfahrung machen müssen wie sie.

Doch erst vor Kurzem hat sich Elke Renate schon wieder fremd in ihrem eigenen Haus gefühlt. Eine Frau aus Litauen war bei ihr und blieb fünf Tage. Sie wollte weder im Haushalt helfen noch putzen – und erwartete stattdessen eine kostenlose Pension. Sie ernährte sich nur von Rohkost und wollte Elke Renate bekehren, dasselbe zu tun. Das wurde selbst der geduldigen Rentnerin zu viel. 

Ihre Profile deaktivieren will sie trotzdem nicht, dafür liebt sie den Austausch zu sehr. Sie hofft, dass sie mit ihrem nächsten Gast wieder mehr Glück hat.

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