Freibadsaison startet: Probleme einfach ausbaden: Warum das Freibad unserer Gesellschaft gut tut

Das erste Freibad öffnet am 15. März in Karlsruhe seine Liegewiesen – und läutet damit eine Saison ein, die wieder Debatten bringen wird, wetten? Dabei können deutsche Freibäder, allen Negativschlagzeilen zum Trotz, die Gesellschaft einen, glaubt unsere Autorin.

Es gab einen Sommer während meines Studiums, da war das Wetter konstant großartig und mir ging es konstant beschissen. An einem besonders heißen Tag versteckte ich mich wieder vor der Sonne und der guten Laune anderer Menschen unter meinem Stockbett. Ich lag dort stundenlang schwitzend und einsam herum.

Am frühen Abend hielt ich es nicht mehr aus. Ich tat das, was ich immer tue, wenn mir die Welt und vor allem ich mir selbst zu viel werde: Ich gehe schwimmen. Ich packte also meine Sachen, stopfte mich in eine verklebte U-Bahn und fuhr in ein Freibad in einem abseits gelegenen Wohngebiet. Als ich ankam, erwartete mich der Bademeister am Tor. Ein älterer Herr mit Schnurrbart und bemerkenswert straffer Wampe, der mich anbellte, in zehn Minuten sei Badeschluss. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich reagierte, aber es muss irgendwie dramatisch gewesen sein. Denn an das, was danach passierte, erinnere ich mich genau: Der Bademeister sah mich erschrocken an, klopfte sich auf seinen Bauch und erlaubte mir, noch 30 Minuten zu schwimmen.

Es fühlte sich an, als seien wir alte Freunde, der alte Bademeister und ich.

Während die letzten Familien ihre Handtücher in Taschen stopften, setzte sich der Bademeister auf einen weißen Plastikstuhl am Beckenrand und schaute in den Himmel. Ich zog rückenkraulend meine Bahnen. Der Ausblick brannte sich mir ein: Ein Quadrat blauer Himmel, in das vom Rand die Äste einer Birke ragten. Aus den Augenwinkeln sah ich den Bademeister auf seinem Stuhl.

Man könnte meinen, das sei komisch gewesen. Ich als junge Frau im Freibad, allein mit einem älteren, kräftigeren Mann. Aber das war es nicht. Es fühlte sich eher an, als seien wir sehr alte Freunde. Für eine halbe Stunde vergaß ich, dass ich mich einsam fühlte. Es war einer der schönsten Momente in diesem Sommer. Mein bester Freibadmoment, aber er reihte sich ein in eine lange Liste weiterer, sehr guter Erlebnisse. Im Freibad vergaß ich schon schlechte Noten, Streit mit den Eltern, Liebeskummer und sogar, dass ich Journalistin bin. Das ist bei Journalisten selten. Aber das änderte sich im vergangenen Sommer. Da musste ich nämlich als Journalistin ins Freibad.

Das Freibad als Problemort

Ich arbeitete da noch nicht für den stern, wenngleich auch dieser – wie alle Medien in Deutschland –  berichtete. Im Freibad trafen sich im Sommer 2023 alle Probleme der Gesellschaft: In Berlin schlugen und randalierten mal wieder Jugendliche. Immer wieder hieß es, Frauen seien in Freibädern begrapscht oder anderswie belästigt worden. Man diskutierte über mangelnde Integration und höhere Schutzmaßnahmen, auch wenn dafür natürlich das Personal fehlte. Hinzu kamen die hohen Energiepreise, sodass manche Freibäder schließen mussten. Das Freibad war kein Ort mehr, an dem man Probleme vergisst. Vielmehr wurden dort plötzlich alle Probleme erlebbar. Es wurde politisch, wieder mal.

STERN PAID 31_23 Freibad 10.00

Deswegen stapfte ich beruflich durch ein Münchner Freibad und fragte Gäste, ob sie die Probleme dieser Welt wirklich im Freibad spürten. Ich erwartete, dass mich alle wegschickten. Denn, so meine Annahme, wer hier Probleme spürt, würde doch einfach nicht herkommen.

Wider meine Erwartung bejahten die meisten meine Frage und schilderten negative Erfahrungen: Es gab welche, denen man rassistische Beleidigungen um die Ohren schlug. Wieder andere rollten die Augen, während sie von Menschen sprachen, die kein Deutsch können. Rentner zeterten über laute Kinder und schimpften über hohe Preise. Frauen schilderten, wie sie angegafft oder angemacht worden seien. Und trotzdem waren alle da. Trotzdem kamen alle wieder. Trotzdem bildeten sie, wie sie auf ihren einzelnen Handtüchern saßen, einen großen Flickenteppich unterschiedlichster Milieus. Ich kehrte mit einem Block voller Notizen zurück nach Hause.

Ins Freibad ging ich die nächsten Wochen nicht. Aus Trotz. Dem Grauen, dort für die Arbeit gewesen zu sein, und dem Wissen, dass dort nicht nur Frieden wartete, konnte ich mich erst am Ende des Sommers stellen. 

Kurz dachte ich, dass mir die Recherche das Freibad versaut hatte.

Auf der Wiese lagen schon die ersten Kastanien, daneben ich, schmollend auf meiner Decke. Ich war aufmerksamer als zuvor und die Konflikte schrien mich förmlich an: die gestiegenen Preise, das mangelnde Personal, die passiv-aggressiven Spannungen zwischen Geschlechtern, Generationen oder Nationalitäten. Kurz dachte ich, dass mir meine Recherche nun das Freibad versaut hatte.  

STERN PAID Freibad-Debatte Interview Bademeister 20.00

Aber dann dachte ich mir: Du bist ja trotzdem da. Und alle anderen auch. Für einen kurzen Moment fühlte ich mich den Menschen in diesem Freibad sehr verbunden, fast wie damals dem Bademeister. Es ist tröstlich zu sehen, dass man gemeinsam den Problemen trotzt.

Vielleicht muss, wer 2024 glücklich sein will, aushalten können, dass es immer irgendwo drückt. Vielleicht kann man das nirgendwo besser lernen als im Freibad. Da, wo es nach Chlor und Pommes und warmen Steinen riecht, und wo man sehr gut gemeinsam einsam sein kann. Zumindest ist die Nachricht, dass die Saison nach diesem langsamen Winter langsam losgeht, für mich die beste dieser Woche. 

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