Klimaprotest: Letzte Generation: Eine Mutter und ihre Töchter wollen weiterkämpfen

Klimaaktivisten proben an diesem Wochenende neue Protestformen. Wie weit werden sie diesmal gehen? Eine beteiligte Familie erzählt.

Solvig Schinköthe, 44, ist Mutter von vier Kindern. Sie ist verheiratet, lebt aber getrennt von ihrem Mann. Solvig macht gerade ihren Master in Psychologie. Sie und ihre beiden ältesten Töchter Lina, 22, und Jördis, 20, sind derzeit Vollzeit-Aktivistinnen. Solvig lebt mit der Familie in Magdeburg, Lina in Leipzig. Solvig, Lina und Jördis waren schon mehrfach in Haft.

Sie sind alle drei bei der Letzten Generation aktiv, haben sich auf Straßen geklebt und waren auch schon in Haft. Wer von Ihnen hat angefangen?
Solvig Schinköthe: Lina war die erste. Das war im Februar 2022, sie hatte in Leipzig einen Vortrag der Letzten Generation gehört. Als sie dann zu Besuch kam, sagte sie, sie wolle da mitmachen. Am nächsten Tag habe ich mir im Internet alles angesehen, was ich zur Letzten Generation finden konnte. Ich habe dann mit Lina an einem Protesttraining teilgenommen. Am 18. März saßen wir das erste Mal zusammen auf der Straße.

Lina Schinköthe, Mitglied der letzten Generation, draußen auf einer Parkbank.
© Jan Stradtmann

Jördis Schinköthe: Ich war zu der Zeit mit meinem Abitur beschäftigt und nicht wirklich aktiv. Aber dann bekam ich im Dezember 2022 die Nachricht, dass Lina für 16 Tage in Bayern im Gefängnis saß. Das war der Moment, als ich beschlossen habe, mitzumachen. Ich war so empört und gleichzeitig erschrocken, ich konnte nicht verstehen, dass meine Schwester für einen friedlichen Protest eingesperrt wurde. Mir war klar: Wenn sie im Gefängnis sitzt, dann mache ich weiter.

Wie ist das, wenn man sich mit seinem Kind in einer Zelle wiederfindet?
Solvig Schinköthe: Für mich ist das sehr emotional. Das erste Mal war in Frankfurt an der Oder. Wir hatten in der Nähe, in Seefeld, die Zufahrt zu einem Tanklager besetzt. Es war mitten in der Natur, die Vögel haben gezwitschert, die Sonne hat geschienen und die LKW standen relativ weit entfernt von uns.

Lina Schinköthe: Es hat sich ein bisschen wie ein Picknick angefühlt. Wir haben zusammen Lieder gesungen, wir hatten Essen dabei. Die Stimmung war gut.

Ich habe Lina schreien hören, das war schlimm für mich.

Solvig Schinköthe: Bis die Polizei kam und uns geräumt hat, ziemlich brutal, mit Schmerzgriffen. Ich habe Lina vor Schmerz schreien hören, das war wirklich schlimm für mich. Dann wurden wir abtransportiert. In der Zelle haben wir zusammen Kinderlieder gesungen, ich glaube, um diesen ganzen Schrecken zu verarbeiten. Und auf einmal hatte ich dieses Bild vor Augen: wie Lina als Baby bei mir auf dem Schoss lag. Zwanzig Jahre später lagen wir dann nebeneinander in einer Gefängniszelle. Da wurde mir die Verletzlichkeit meiner Kinder noch mal sehr bewusst und wie wichtig es ist, für ihre Zukunft zu kämpfen.

Jördis Schinköthe, Mitglied der letzten Generation.
© Jan Stradtmann

Jördis Schinköthe: In Bayern war ich dann mit meiner Mutter in Haft. Für mich war es etwas sehr Besonderes, meine Mutter so verletzlich zu erleben. Als Kind sieht man die Mutter immer ein bisschen heroisch. In der Zelle aber habe ich mein Klappbett vor das Bett meiner Mutter gestellt, damit sie sich sicherer fühlen und besser schlafen konnte. Auf einmal war ich diejenige, die meine Mutter schützen konnte. Das hat mir viel bedeutet.

Solvig Schinköthe: Diese Erfahrung hatte etwas extrem Verbindendes, so wie auch das Gefühl, füreinander da zu sein und für das Gleiche einzustehen. Alle Menschen wünschen sich eine gute Zukunft. Gemeinsam dafür zu kämpfen, fühlt sich sehr stark an. Ich bin auch stolz auf meine Töchter. Sie wissen, was sie wollen und stehen dafür ein. Wir reden auch oft über die Konsequenzen, aber meine Zukunftsängste sind größer als die Sorge davor, dass meine Kinder ins Gefängnis müssen. Weil ich weiß, dass sie das schaffen, egal, wie schlimm es sich für sie anfühlen wird.

Haben Sie als Mutter denn keine Angst um Ihre Töchter?
Solvig Schinköthe: Doch, ich habe immer Angst. Egal, wer von uns in den Protest geht. Wir setzen uns einer Gefahr und auch Gewalt aus. Ich habe meinen Töchtern immer wieder gesagt, dass sie das nicht machen müssen. Aber sie haben mir erklärt, warum es für sie so wichtig ist und dass sie das Risiko in Kauf nehmen.

Warum nehmen Sie das Risiko in Kauf?
Lina Schinköthe: Weil Menschenleben massiv bedroht sind und ich das Gefühl habe, dass alle andere Möglichkeiten erschöpft sind oder nicht ausreichen. Ich habe unsere Blockaden als letztes, friedliches Mittel gesehen.

Wie fühlte es sich an, sich auf die Straße zu kleben?
Jördis Schinköthe: Ich habe jedes Mal in eine Art Überlebensmodus geschaltet. Ich spürte totalen Stress und jede Menge Adrenalin. Ich war immer unglaublich aufgeregt.

Solvig Schinköthe: Ich hatte schon Todesangst. Einmal ist der Fahrer eines Reisebusses ausgestiegen, hat mich angeschrien, mich geschubst, ist dann wieder eingestiegen und auf mich zugefahren. Er bremste sehr spät. Ich habe auch schon erlebt, dass ein Autofahrer ausstieg und brüllte, er würde mich umbringen.

Die Letzte Generation hat beschlossen, zukünftig auf Straßenblockaden zu verzichten. Sind Sie froh darüber?
Solvig Schinköthe: Ich freue mich auf neue Protestformen und bin aber auch froh, mich der Gefahr vor ausrastenden Autofahrern nicht mehr auszusetzen.

Jördis Schinköthe: Es ist schon ein merkwürdiger Gedanke, eventuell nie mehr zu spüren, wie meine Hand auf dem Asphalt klebt.

Lina Schinköthe: Ein Kapitel unseres Protests geht zu Ende, das macht mich traurig, gleichzeitig aber auch hoffnungsvoll, wir werden ja nicht aufhören, sondern unseren zivilen Widerstand mit gleicher Intensität fortführen.

Notfalls werde ich wieder im Gefängnis landen, das schreckt uns nicht ab.

Die neuen Formen des Protests sollen „ungehorsame“ Versammlungen sein. Wie weit werden Sie gehen? Wo sind Ihre Grenzen?
Solvig Schinköthe: Die Frage sollte den Machthabenden gestellt werden. Wie weit werden sie noch gehen mit der wissentlichen Zerstörung der Lebensgrundlagen von Milliarden Menschen? Ich werde mich jedenfalls weiterhin dagegen auflehnen und notfalls wieder im Gefängnis landen. Das schreckt uns nicht ab.

Lina Schinköthe: Der Kern unseres Protests wird gleichbleiben: Wir bleiben friedlich, kreativ und scheuen uns nicht davor anzusprechen, was gerade auf der Welt schiefläuft.

Solvig Schinköthe, Mitglied der letzten Generation.
© Jan Stradtmann

Jördis Schinköthe: Ich werde auch in Zukunft all meine Zeit und Energie dem Kampf gegen die Klimakatastrophe und der Verharmlosung rechter Ideologien widmen!

Frau Schinköthe, Sie haben noch zwei weitere Kinder, eine 18-jährige Tochter und einen elfjährigen Sohn. Wer kümmert sich, wenn Sie im Protest sind oder im Gefängnis sitzen?
Solvig Schinköthe: Als Jördis und ich in Bayern in Haft waren, hat sich Lina um ihre Schwester, die Post und den Hund gekümmert, um alles, was zu Hause so anstand. Außerdem ist da noch mein Mann, er war für unseren Sohn da. Wir wohnen zwar nicht zusammen und er ist selbst nicht aktiv, aber er hält uns den Rücken frei.

Und der Rest der Familie?
Solvig Schinköthe: Meine Eltern unterstützen mich. Mein Vater war Gewerkschaftler, er hat Verständnis für unseren Protest. Mit meine Schwiegereltern ist es eine andere Geschichte. Da sind wir mittlerweile ungewollt und ausgeschlossen. Wir haben keinen Kontakt mehr. Auch einige Freunde wollen nichts mehr mit uns zu tun haben. Das, was wir machen, polarisiert, nicht nur die Gesellschaft, sondern auch unser Umfeld.

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