Begriffserklärung: „Tokenism“: Was der Begriff bedeutet und was er mit Rassismus zu tun hat

Im Prozess mit dem Verfassungsschutz will die AfD Parteimitglieder mit Migrationsgeschichte zu Wort kommen lassen, um ihr völkisches Gedankengut zu relativieren. Kritiker halten der Partei „Tokenism“ vor. Was versteht man unter dem Begriff?

Das Konzept des „Tokenism“ hat in den 1970er-Jahren die amerikanische Wissenschaftlerin Rosabeth Moss Kanter eingeführt – im Zuge einer Studie, die untersuchte, wie amerikanische Großkonzerne Personal einstellen. Sie erkannte, dass die Frauen, die eingestellt wurden, häufig nur eine Alibifunktion erfüllten. Sie wurden also nicht als qualifizierte Individuen betrachtet, sondern lediglich als Repräsentantinnen der Kategorie „Frau“. Diese Kategorievorstellung fußte wiederum in den meisten Fällen auf traditionellen weiblichen Rollenstereotypen.

Tokenism: Aufmerksamkeit ist keine Gleichberechtigung 

Token zu sein bedeutet demnach in erster Linie Aufmerksamkeit. Durch die erhöhte Sichtbarkeit und daraus resultierende Symbolposition entsprechender Menschen oder Menschengruppen erhoffen sich die Unternehmen, Parteien oder Organisationen jegliche aufkommende Kritik an diskriminierendem Verhalten von sich weisen zu können. Die Erklärung folgt dann häufig nach dem altbekannten Prinzip: „Wir haben eine Frau eigestellt, wir sind sicher nicht sexistisch“.

Antimuslimischer Rassismus

Die Autorin Gayatri Chakravorty Spivak hat den Tokenbegriff über die Kategorie Geschlecht hinaus auf nicht-weiße Menschen erweitert. Dabei stellte sie fest, dass dominante Gruppen nur einige wenige marginalisierte Personen zulassen, aber hauptsächlich dann, wenn sie die Meinung der dominanten Gruppe bestätigen. Tokenisierte Menschen haben oft nicht die Möglichkeit, für sich selbst zu sprechen, sondern werden auf ihre auffällige „Kategorie“ reduziert. Weisen nun etwa AfD-Mitglieder mit Migrationsgeschichte also Rassismusvorwürfe von sich, wird sich davon mehr Glaubwürdigkeit erhofft. Sie sprechen dann nicht als Individuen, sondern als Repräsentanten einer eigentlich überhaupt nicht bestehenden Gruppe.

Rassistische Denkmuster haben sich tief verankert

Diese Logik greift viel zu kurz. Rassismus macht sich nämlich nicht nur als immerwährende politische Ideologie bemerkbar. Der Begriff internalisierter Rassismus beschreibt, wie rassistische Stereotype bewusst oder unbewusst verinnerlicht und reproduziert werden. Rassistische Denkmuster haben sich häufig tief im Unterbewusstsein von Menschen verankert, selbst wenn man ihnen keine per se rassistische Ideologie zuschreiben kann. Er kann demnach auch Menschen betreffen, die selbst von rassistischer Diskriminierung betroffen sind – etwa Menschen mit Migrationsgeschichte.

Aufmerksamkeit ist vielmehr auch nicht zwangsläufig positiv. Die eigene Herkunft, sexuelle Orientierung oder das Geschlecht fällt laut Rosabeth Moss Kanter nämlich auch immer wieder auf die tokenisierte Person und andere Angehörigen der gelesenen Gruppe zurück. Wenn ein weißer heterosexueller Mann einen Fehler macht, wird ihm das demnach höchstens als individueller Fehltritt angerechnet. Macht eine Frau und/oder nicht-weiße Person einen Fehler, wirkt sich das auf die Wahrnehmung aller Frauen und nicht-weißer Menschen aus. Umgekehrt werden Erfolge dieser Gruppe häufig als Ausnahmeerscheinungen gesehen („War schon ganz okay, für eine Frau“). Durch Einstellung oder Einladung allein kann man demnach nicht von Gleichstellung ausgehen. 

Quellen: RosaMag, Missy Magazine, ZDF

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