Kompaktvan: Dacia Jogger 140 Hybrid im Test: Ein waschechtes „Mir-Doch-Egal-Auto“

Fast 30.000 Euro sind für einen Dacia ungewohnt viel Geld – aber der Kompaktvan Jogger 140 Hybrid hat dafür auch sehr viel zu bieten. Ganz ohne Kompromisse kommen Käufer aber nicht davon.

Fast 10.000 Euro liegen zwischen dem derzeit günstigsten Dacia Jogger (Essential TCe 100) und dem Testwagen der stern-Redaktion. Bei diesem Fahrzeug handelt es sich um einen Dacia Jogger 140 Hybrid Extreme  – oder kurz: beste Ausstattung, teuerster Antrieb. Denn der Jogger 140 ist ein sogenannter Vollhybrid, der dank Elektromotor auch längere Zeit ohne Unterstützung des Verbrenners auskommt. Der Zusatz „Extreme“ sagt aus, dass Dacia Extras wie ein digitales Tachodisplay, eine Rückfahrkamera und ein Multimediasystem mit 8-Zoll-Touchscreen & Smartphone Integration serienmäßig verbaut. Aber macht die „volle Hütte“, wie man zu Fahrzeugen mit Maximalausstattung gerne sagt, den Unterschied? Oder gibt es Stellen, an denen Dacia seinem etwas billigen Ruf alle Ehre macht? Zwei Wochen mit dem Fahrzeug bringen Licht ins Dunkel.

Der erste Eindruck überrascht. Denn seit etwa zwei Jahren setzt Dacia auf ein überarbeitetes Design. Das betrifft auch den Jogger. Das neue Logo, die LED-Leuchten, die Karosserie: Äußerlich wirkt das Auto alles andere als billig, selbst ein Kompaktvan wirkt mit diesem Auftritt frisch, jung und dynamisch. Dabei ist es gar nicht so leicht, einen Siebensitzer einigermaßen schön zu verpacken. Vans sind selten eine Augenweide. Der Jogger, besonders in Zeder-Grün, gefällt. 

Dacia macht seinem Ruf im Innenraum alle Ehre

Steigt man ein, weiß man wieder, warum Dacia in der Autowelt ungefähr das ist, was Kik in der Textilbranche darstellt. Man bekommt viel für sein Geld, aber muss eben mit gewissen Schwächen der Ware leben. Das macht sich im Dacia Jogger besonders im Innenraum bemerkbar. Hartes Plastik soweit das Auge reicht. Es gibt zwar auch Zierelemente, aber selbst die wirken irgendwie etwas billig. Das setzt sich beim Lenkrad und bei den Bildschirmen fort. Am schlimmsten ist aber der Gangwahlhebel. Selten passiert es, dass man bei einem Auto den neutralen Gang nicht findet und versehentlich in R oder D landet, aber beim Jogger war das mehrfach der Fall, wenn man unbewusst den Knopf am Hebel durchgedrückt hat und gefühllos im Schaltkasten rumrührte. Ebenfalls recht schlimm: Die Handyhalterung am mittleren Display. Löblich, dass Dacia dort eine montiert, aber man braucht schon eine gewaltige Portion Gottvertrauen, um dort ein Smartphone einzuspannen.

Dacia Jogger FS

Das soll nicht heißen, dass irgendwas nicht funktioniert hat. Im Gegenteil: Das Auto fährt zuverlässig, die Technik arbeitet problemlos und man kommt wohlbehalten von A nach B. Aber es fühlt sich alles sehr rustikal, etwas unedel und fast zu einfach an. Ein simples Baustellenfahrzeug unterscheidet sich quasi nur noch im Grad der Verschmutzung. Die gute Nachricht: In einem solchen Auto ist alles etwas egaler.

Fünf Kinder auf der Rückbank, die mit Süßigkeiten kleckern? Egal. Ein sandiger Hund im Kofferraum, der sich ordentlich schüttelt? Egal. Beim Verladen kommt ein Kratzer in die Türverkleidung? Auch das: egal. Der Dacia vermittelt das Gefühl, dass alles in Ordnung ist und das Leben weitergeht. Man kann dieses Auto unglaublich gelassen fahren – beinahe wie beim ersten Auto, dessen einziger Zweck es war, die Wirkung von Mauerwerk und Gehsteigen bei Fahrzeugkontakt kennenzulernen.

Wo sich der Ausstattungsminimalismus positiv bemerkbar macht, ist der Laderaum. Nahezu narrensicher lässt sich das Fahrzeug in Windeseile umbauen. Die dritte Sitzreihe besteht aus zwei einzelnen Sitzen, die mit etwas Übung mit einem Handgriff aus dem Auto entnehmbar sind. Braucht man sie als Sitzgelegenheit, kann man sie einfach ausklappen. Die zweite Reihe ist fix, lässt sich aber nicht nur umklappen, sondern auch komplett nach vorne falten, damit noch mehr Platz zur Verfügung steht. So variiert der Laderaum zwischen mageren 160 Litern und überaus üppigen 1807 Litern. Im Alltag dürfte es kaum ein Szenario geben, wo das nicht ausreicht. Und falls doch, gibt’s immer noch eine Anhängerkupplung, die es dem Jogger erlaubt, gebremst bis zu 750 Kilo zu ziehen. Kleiner Hinweis: Bei den Verbrennern ist die Anhängelast allerdings deutlich höher.

Elektrisch hui, Schaltung pfui

Die rustikale Art setzt sich beim Dacia Jogger auch beim Antrieb fort. Schaltet man den Hybrid ein, summt der Elektromotor entspannt vor sich hin. Bis sich dann nach wenigen Metern erstmals der Verbrenner meldet und die Batterie auflädt. Das tut er aber nicht subtil und leise, sondern brummt dabei recht laut und lässt das ganze Auto vibrieren. Man atmet fast durch, wenn er endlich wieder Ruhe gibt.

Das gilt auch für die Fahrt mit dem 94-PS-Verbrenner. Sobald die Anzeige „EV“ auf dem Tacho erlischt, wird es laut. Das geschieht etwa, wenn man allzu stark beschleunigt oder die Batterie geladen werden muss. Die fehlende Zusatzdämmung fällt sofort auf – es brummt und dröhnt. Und auf der Autobahn versteht man ab 140 km/h kaum noch ein Wort aus dem Radio. Abgerundet wird das Krawallkonzert von dem sogenannten Multi-Mode-Getriebe. Das besteht im Grunde aus einer Viergang-Automatik für den Verbrenner und einer Zweigang-Automatik für den E-Antrieb. Im Fahrbetrieb ist das aber nicht getrennt wahrnehmbar, sondern geht weitgehend ruckelfrei ineinander über. Aber: Die Automatik arbeitet insgesamt sehr unharmonisch und dreht oft sehr hoch, bevor der ersehnte Schaltvorgang erfolgt. Je sportlicher man fährt, desto lauter und chaotischer wird es. Von seiner besten Seite zeigt sich der Dacia eigentlich nur im reinen E-Modus. Unter Einfluss von Benzin könnte man meinen, dass ein Fahrschüler an der Kupplung sitzt.

Auch wenn der Motor auffallend oft aufheult, erzielt er an der Zapfsäule Spitzenwerte. Im gemischten Betrieb, also Autobahn und Stadt zu etwa gleichen Teilen, erreichte der Jogger Hybrid im Test einen Verbrauch von 5,4 Litern auf 100 Kilometer. Auf der Autobahn ist das naturgemäß mehr, in der Stadt entsprechend weniger. Der Hybrid spielt hier seine volle Stärke aus. In Verbindung mit dem 50-Liter-Tank darf mit einer Reichweite von etwa 900 bis 1000 Kilometern gerechnet werden. Aber: Die Anschaffung lohnt sich aufgrund des preislichen Aufschlags eigentlich nur dann, wenn die Strecken hauptsächlich innerorts liegen, am besten in Städten mit viel Stop & Go. Andernfalls (also auf dem Land) dürften sich die Mehrkosten im Vergleich zum reinen Verbrenner nicht amortisieren.

Das gemütliche Gondeln steht dem Jogger ohnehin am besten – und eine schnelle Fahrt sieht der Hersteller nicht vor. Bei 167 km/h ist bereits das Ende der Fahnenstange erreicht. Einen Jogger sieht man also eher nicht auf der linken Spur. Doch egal wie schnell – der Dacia fühlt sich zu keiner Zeit unsicher oder unkontrollierbar an. Im Gegenteil: Lenkung und Federung arbeiten in allen Bereichen zuverlässig mit.

Herrlich still

Im Zusammenhang mit dem Jogger hört man immer wieder, dass er beim Euro-NCAP-Crashtest nur einen von fünf Sternen bekommen hat. Das liegt aber weniger daran, dass der Wagen für die Insassen unsicher ist, sondern an mangelhaftem Fußgängerschutz und fehlenden Assistenten, die in den meisten Modellen heute Standard sind. Für Fahrer hat das eventuell sogar Vorteile: Dadurch, dass dem Jogger sowohl eine Verkehrszeichenerkennung als auch ein Müdigkeitswarner fehlen, nervt das Auto nicht mit ständigem Gepiepe. Andere Hersteller lassen ihre Autos schon aufheulen, wenn man 52 statt 50 fährt und man als Fahrer nur wenige Sekunden zur Seite blickt. Das dient der Sicherheit, nervt aber zum Teil ganz extrem. Im Dacia herrscht diesbezüglich eine himmlische Ruhe.

Fazit Dacia Jogger 140 Hybrid Extreme

Der Dacia Jogger 140 Hybrid Extreme ist für das, was er ist, ein tolles Auto. Und ein riesiges Auto. Der durchaus ansehnlich verpackte Kompaktvan hat sich im Test keine großen Schwächen geleistet und überzeugt vor allem mit einer überraschend runden Ausstattung und einem wirklich guten Verbrauch für so ein großes Auto. 

E-Gas-Hybrid – welcher Autotyp bin ich 07.07

Den spitzen Stift der Rumänen bemerkt man vor allem im Innenraum, an der Technik und Zubehör wie der Handy-Halterung. Es gibt alles, aber es stammt definitiv aus dem Rabatte-Regal der Zulieferer. Trotzdem finden sich Extras wie Apples Carplay serienmäßig an Bord, was nicht nur sehr nützlich ist, sondern, ehrlicherweise, auch das On-Board-Navi und das Bord-Infotainment so egal macht, dass Dacia es auch einfach hätte weglassen können.

Die stellenweise merkliche Billo-Bauweise birgt aber einen gewaltigen Vorteil: Einem Dacia tut nichts so richtig weh. Kratzer, Schmutz und Fahrten durch tiefe Schlammpfützen steckt dieses Auto mit einem sympathischen Schulterzucken weg und vermittelt so eine gewisse Egal-Haltung, die das Fahren umso entspannter macht. Und wenn dann auch noch im Grunde alles funktioniert und man sehr viel Platz hat – was will man mehr?

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