Massenvergiftung: Schildkrötenfleisch plötzlich giftig – neun Menschen sterben nach Verzehr von verbotener Delikatesse

Meeresschildkröten sind vom Aussterben bedroht, gelten aber als Delikatesse. Der Verzehr ist gesundheitlich eigentlich unbedenklich, allerdings verboten. Trotzdem kommt es immer wieder zu Massenvergiftungen. Was steckt dahinter?

Es ist verboten und es ist gefährlich – trotzdem können die Menschen ihre Finger nicht vom Schildkrötenfleisch lassen. In Tanzania hat der Verzehr des Fleisches nun zum wiederholten Male eine Massenvergiftung ausgelöst, dabei sind die Schildkröten eigentlich überhaupt nicht giftig.

Meeresschildkröten sind vom Aussterben bedroht und werden daher seit 1975 durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen besonders geschützt. Auch in Tanzania ist es inzwischen wegen des Artenschutzes verboten, Meeresschildkröten zu fangen und zu essen. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht doch auf dem Teller landen. Denn nach wie vor wird das Fleisch der Tiere als Delikatesse gehandelt. Auf Pemba, das zu den halbautonomen Sansibar-Inseln Tanzanias gehört, hat das nun zum Tod von neun Menschen geführt, darunter acht Kinder. 78 weitere Menschen mussten ins Krankenhaus.Holycrab Berlin_11.27

Warum ist Schildkrötenfleisch plötzlich giftig?

Der Grund für die gesundheitlichen Beschwerden ist eine Art Lebensmittelvergiftung, ausgelöst durch das Gift Chelonitoxin. Dieses Gift ist demnach in dem Fleisch der Tiere enthalten und führt nach dem Verzehr zunächst zu einem als unangenehm beschriebenem Gefühl im Mund-Rachen-Bereich. Später können Symptome wie Übelkeit und Erbrechen auftreten, Schweißausbrüche und Benommenheit. Nach einigen Tagen kann es außerdem zu neurologischen Beschwerden kommen, bis schließlich wichtige Organe die Arbeit einstellen. Im schlimmsten Fall kommt es zu einem Multi-Organ-Versagen – der Betroffene stirbt. Besonders gefährdet sind Kinder sowie ältere und vorerkrankte Menschen.

Über sogenannte Chelonitoxin-Vergiftungen ist noch wenig bekannt. Vermutet wird, dass sie nur dann auftreten, wenn Meeresschildkröten zuvor ganz bestimmte Kleinstlebewesen zu sich genommen haben. Demnach könnte es sich dabei um sogenannte Cyanobakterien handeln, die unter anderem auf Seegras zu finden sind. Die Bakterien entwickeln selbst ein gefährliches Gift, das sogenannte Lyngbyatoxin, was die Schildkröten dann möglicherweise zu Chelonitoxin verstoffwechseln. Die These ist also, dass die Meeresschildkröte erst durch diese Wechselwirkung zur Gesundheitsgefahr für den Menschen wird. Die Schildkröten selbst werden davon nicht beeinträchtigt.

Chelonitoxin-Vergiftungen gelten als eher selten, obschon Experten davon ausgehen, dass sie weitaus öfter stattfinden als die offiziellen Zahlen es vermuten lassen. Experten gehen davon aus, dass viele Vergiftungsfälle nicht gemeldet werden, da der Fang der Tiere und auch der Verzehr verboten ist. Zudem halten es Meeresbiologen für wahrscheinlich, dass die Klimakrise und die damit zusammenhängende Erwärmung die Lyngbyatoxin-Produktion fördert und auch die Vergiftungsgefahr dadurch steigt.Schlangen10.12

Weitere Fälle von Chelonitoxin-Vergiftungen

Im November 2021 kam es schon einmal zu einer Massenvergiftung wegen Schildkrötenfleischs auf Pemba. Mindestens fünf Familien waren damals betroffen, sieben Menschen starben, 38 mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Im März 2021 starben 19 Menschen in Madagaskar nach dem Verzehr von Schildkrötenfleisch, darunter neun Kinder.

Im Februar 2018 kam es auf der indonesischen Insel Siberut zu einer Massenvergiftung, mindestens 95 Menschen waren betroffen, drei Menschen starben.

Im August 2012 erkrankten auf den indischen Inseln Andaman und Nicobar sechs Menschen nach dem Verzehr von Schildkrötenfleisch, einer starb.

Ende 2010 vergifteten sich 90 Menschen auf der Insel Murilo im Pazifischen Ozean, vier Kinder starben.

Quellen: Guardian, NIH, NIH 2Turtle Foundation, Frankfurter Rundschau

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