Nancy Faeser in Südamerika: Die Innenministerin kämpft mit Orden und Peru gegen den Drogenhandel

In Peru bekommt Nancy Faeser einen Orden verliehen. Man will die Deutsche daran erinnern, dass der Anti-Drogen-Kampf nicht nur den Herkunftsländern überlassen werden darf.

Nancy Faeser lächelt, schaut ernst, dann lächelt sie wieder, so als könne sich die Bundesinnenministerin nicht ganz entscheiden, welcher Gesichtsausdruck nun der passende sein könnte. Zugegeben: Die anberaumte Pressekonferenz im peruanischen Innenministerium in Lima ist für deutsche Gewohnheiten eher unkonventionell. 

Zu Beginn spielt eine Blaskapelle die Nationalhymnen, auch die deutsche, die anwesenden Medienvertreter und Gäste erheben sich von roten Klappsesseln, wie man sie aus dem Kino kennt. Ein kurioses Schauspiel, das der deutschen Innenministerin möglicherweise imponieren sollte. Besprochen war es mit ihrer Delegation offenbar nicht. Faeser entscheidet sich für ein Lächeln, immerhin kann sie den „Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit“ vermelden. 

Nancy Faeser und ihr peruanischer Amtskollege haben in der Haupstadt eine Absichtserklärung unterzeichnet. Sie wollen beim Kampf gegen den internationalen Rauschgifthandel enger zusammenzuarbeiten. Darüber hinaus sollen zeitnah Verhandlungen über ein Sicherheitsabkommen aufgenommen werden. „Peru ist für mich ein zentraler Partner im Kampf gegen Drogenkriminalität“, sagt Faeser. 

So kann man das natürlich auch sagen. 

Klinkenputzen im Anti-Drogen-Kampf

Peru ist eines der wichtigsten Herkunftsländer von Kokain, nach Kolumbien der weltweit zweitgrößte Produzent und Exporteur des Rauschgifts. Ein Großteil der peruanischen Produktion gelangt nach Europa. Einfallstore sind Belgien, die Niederlande – und Deutschland.

Innerhalb von sieben Tagen bereist die Innenministerin vier Länder in Südamerika (der stern berichtete). Klinkenputzen im internationalen Anti-Drogen-Kampf. Faesers Besuch in Lima aber ist von besonderer Relevanz, hier geht es um besonders viel, buchstäblich. Was kann sie also an konkreter Unterstützung mitbringen? 

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Offenbar nicht genug. Zumindest lässt das Faesers peruanischer Amtskollege Víctor Torres Falcón durchblicken. In der gemeinsamen Vereinbarung sind zwar viele gute Absichten formuliert, eine engere Kooperation beim Informationsaustausch und der Polizeiarbeit etwa, aber praktisch keine handfesten materiellen oder finanzielle Hilfen. Dem Vernehmen nach soll es kurz vor der Unterzeichnung Abstimmungsprobleme gegeben haben. 

Wie Sie wissen, wird aus Koka Kokain gemacht.

Was erwartet Perus Innenminister? Danach gefragt, lobt Torres Falcon zunächst die Zusammenarbeit mit den USA. Mit deren Hilfe habe man auf 25.000 Hektar Kokapflanzen zerstören können. Dennoch müsse man feststellen, so der Innenminister, dass immer mehr Anbauflächen entstehen würden. „Wir benötigen die Hilfe und Unterstützung unseres Partnerlandes Deutschland„, sagt Víctor Torres. „Wie Sie wissen, wird aus Koka Kokain gemacht.“ Eine subtile Spitze gegen die deutschen Gäste?

Perus Innenminister Víctor Torres Falcón
© Laurin Schmid / BMI

Peru ist zwar Herkunftsland von Kokain, aber kein Konsumland – so ist es in Gesprächen mit Experten immer wieder zu hören. Die Produzenten vor Ort verdienten mit Kokain gerade genug zum Leben, das große Geschäft werde mit Export und Verkauf gemacht, vor allem in Europa, wo die Nachfrage steigt. In drastischen Worten: Gekokst wird woanders – und wer kokst, muss auch die Konsequenzen tragen. 

Faeser betont auch darum brav, dass es ebenso auf die „Nachfrageländer“ ankomme, um keinen Zweifel an dem eigenen Verantwortungsbewusstsein aufkommen zulassen. Innerhalb eines Jahres ist die sichergestellte Menge, die aus Südamerika nach Deutschland verschifft worden ist, von 20 auf 35 Tonnen gestiegen. Seit 2018 hat sich die Menge nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) versiebenfacht. 

Ein dynamischer Markt

César Rojas Duránd, 53, ist mit dem Zahlenwerk bestens vertraut. Der freundliche Mann in Flecktarn ist Kommandant bei der Drogeneinheit der peruanischen Polizei (Dirandro) und leitet die Analyse-Abteilung. Rojas Duránd zufolge seien 2022 rund 870 Tonnen Kokain in Peru produziert worden. Rund 80 Prozent der Produktion gelangten nach Europa. 

César Rojas Duránd, 53, Kommandant bei der Drogeneinheit der peruanischen Polizei (Dirandro)
© Florian Schillat

Er spricht von einem dynamischen Markt. Aktuell steige die Nachfrage. Zwischen 2015 und 2022 hätten sich die Koka-Anbauflächen mehr als verdoppelt, von rund 40.000 auf 95.000 Hektar. Zumal Export und Handel die lukrativsten Arbeitsschritte seien. So koste ein Kilogramm Kokain in Peru im Einkauf durchschnittlich zwischen 1200 bis 1300 US-Dollar. Dieselbe Menge bringe in Europa rund 45.000 US-Dollar (ca. 41.500 Euro). 

Ein verlockendes Geschäft, entsprechend viele kleine Zellen und Labore würden in Peru aus dem Boden schießen, um daran mitzuverdienen. Große peruanische Kartelle, wie man sie etwa aus Kolumbien kennt, gebe es zwar nicht. Aber die kleinteiligere Kokainproduktion erschwere die Bekämpfung.

 „Große Ehre“ für Nancy Faeser

Das Interesse an einer engeren Zusammenarbeit mit Deutschland und Europa ist groß. Auch aus der Sorge heraus, dass sich die USA aus dem Anti-Drogen-Kampf in Peru zurückziehen könnten. Das Kokain in den USA kommt vor allem aus Kolumbien, erklärt Kommandant Rojas Duránd, nur ein Prozent stamme aus Peru. Außerdem schwelt in den Vereinigten Staaten eine Fentanyl-Krise. Der US-Fokus im Anti-Drogen-Kampf könnte sich entsprechend verschieben. „Deswegen ist es wichtig, dass Innenministerin Faeser hier ist“, sagt César Rojas. 

Und damit zurück zur Pressekonferenz, auf der Faeser die Partnerschaften der Herkunfts-, Transit- und Zielländer lobt. „Deswegen bin ich hier.“ Sie will sich aber auch für eine „große Ehre“ bedanken, die ihr wenige Stunden zuvor zuteilwurde. Der Bundesinnenministerin wurde von Staatspräsidentin Dina Boluarte der El Sol del Perú verliehen, der Orden der Sonne. Der goldglänzende Ansteck-Orden nebst lilafarbener Schärpe, nur für besondere Verdienste verliehen, lässt Faeser aussehen, als habe sie gerade bei einer Miss-Wahl gewonnen. Vorschusslorbeeren für die vereinbarte Zusammenarbeit? Auch damit hatte die Deutsche nicht gerechnet.

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