Esoteriker und Heiler: Sekteninfo warnt: „Da sitzt dann ein Guru und bestimmt über das Leben, die Sexualität, den Beruf, über alles“

Was tun, wenn man in einer Gruppe mit ideologischem Überbau gefangen ist? Die Sekteninfo NRW hilft denen, die aussteigen wollen – und meidet dabei den Begriff „Sekte“, erklären die Beraterinnen Bianca Liebrand und Anja Gollan. Beide warnen vor einem Markt, der immer unübersichtlicher wird.

Dieser Text stammt aus dem stern-Archiv und erschien erstmals am 4. Februar 2023.

Frau Liebrand, Frau Gollan, viele Menschen würden wohl sagen: „Mitglied einer Sekte werden, nein, das könnte mir nie passieren.“ Ist es so leicht?
Der Aussage würden wir widersprechen. Es gibt nicht die eine Persönlichkeitsstruktur, die besonders anfällig wäre. Es sind eher die Lebensumstände oder Lebenskrisen, die das Bedürfnis nach Schutz, Geborgenheit oder Zugehörigkeit auslösen können und für kritische Aspekte blind machen. Manchmal sucht man auch verzweifelt nach einem Mittel zur Heilung einer schweren Erkrankung und gerät so an unseriöse Angebote. Wir sprechen übrigens von einer konfliktträchtigen Gemeinschaft, nicht von Sekten. 

Die Sekteninfo vermeidet den Begriff Sekte?
Das Konzept Konflikt ist entscheidend. Denn was einer als Konflikt empfindet, kann für den nächsten völlig okay sein. Es gibt Menschen, die sind bei einer Gemeinschaft glücklich, weil sie eine vorbestimmte Tagesstruktur brauchen. Strenge Regeln helfen ihnen, Entscheidungen zu treffen und immer genau zu wissen, was sie dürfen und was nicht. Viele Klientinnen und Klienten rufen uns an und sagen: Ich bin aus einer Gruppe ausgestiegen, jetzt komme ich mit meinem Leben nicht mehr zurecht. Vielen fehlt plötzlich eine Tagesstruktur, oder sie wissen nicht mehr, was sie überhaupt glauben sollen.

Das Schwarz-Weiß-Denken, das sie gelernt haben, hindert diese Menschen daran, in einem Alltag klarzukommen, der so eindeutig niemals ist?
Es stellt dann oft eine große Herausforderung dar, eigene Entscheidungen zu treffen. Das häufig gelernte Muster, dass alle Menschen außerhalb der Gemeinschaft böse und schlecht sind, kann zunächst daran hindern, neue soziale Beziehungen unbelastet einzugehen. Es ist eine der großen Aufgaben nach einem Ausstieg, wieder Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit zu finden. Das fördert aber gleichzeitig natürlich auch das Selbstbewusstsein: Ich kann wieder über mich selbst bestimmen – was ich möchte und was nicht. 

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Ab wann wird aus einer Gruppe von Menschen eine konfliktträchtige Gemeinschaft?
Es gibt sehr viele verschiedene Aspekte, die charakteristisch sind. Oftmals wird uns von einem Machtmissbrauch berichtet. Ein sehr schwerwiegendes Merkmal ist selbstverständlich dann erfüllt, wenn Menschenrechte verletzt werden. Wenn es zu sexuellen Übergriffen und Gewalt kommt. Das ist zuweilen für die Betroffenen gar nicht sofort erkennbar.

Und das wiederum macht etwas mit ihrem Selbstwertgefühl. Diese Menschen werden immer kleiner.

Wie kann das sein?
Betroffene denken nach einem Übergriff: Das musste jetzt passieren. Um das Ego zu brechen zum Beispiel – das ist eine Erklärung, die dann oft hergenommen wird. Oft ist Schuld ein Motiv: Ich habe mich nicht genug angestrengt, nicht genug meditiert, mich falsch verhalten, und deshalb habe ich die Gewalt verdient. Menschen in einer konfliktträchtigen Gruppierung ziehen meist nicht die Lehre in Zweifel und den Guru schon gar nicht. Und das wiederum macht etwas mit ihrem Selbstwertgefühl. Diese Menschen werden immer kleiner.

Dabei verspricht der Guru ja in vielen Fällen das Gegenteil: Dass man wächst, größer wird, klarer sieht. Dass man zu einer Gemeinschaft der Eingeweihten gehört.
Zugehörigkeit ist ein ganz großer Punkt bei diesen Gruppierungen. Die Menschen denken, sie haben endlich ihre Gemeinschaft gefunden, eine Art Familie. Gleichgesinnte, die ihre Werte teilen und die, wie sie selbst, die Welt zum besseren verändern wollen. Und sie nehmen viel in Kauf, um dazuzugehören

Gurus wird oft eine besondere Ausstrahlung nachgesagt. Woher rührt die?
 Man kennt das auch aus dem Privaten: Einige Menschen kommen in einen Raum und haben eine bestimmte Präsenz. Das kann man nicht lernen, manche Menschen haben das einfach. Es können auch narzisstische Züge dazu kommen. Angenommen, jemand ist überzeugt von sich ist, kann andere in seinen Bann ziehen und sagt: Ich habe geheime Weisheiten, kann heilen, bin erleuchtet – das spricht nicht jeden an. Aber die, die es anspricht, kann es enorm anziehen. Wir sprechen von einem Passungsmodell, was sich häufig findet: Nicht jede konfliktträchtige Gemeinschaft passt auf jede Person. Lebenssituation und eigene Biografie sind entscheidend. Jemand befindet sich in einer Lebenskrise, begibt sich auf die Suche nach einer Lösung, nach Halt und Zugehörigkeit. Und findet die vermeintliche Lösung bei einem Guru.  

Viel Geld auszugeben, die sexuellen Grenzen immer weiter zu verschieben – viele Betroffene sagen uns: Ich habe das einfach nicht mehr gesehen, ich war nicht mehr objektiv. 

Spüren Anführer solcher Gruppierungen, welche Menschen für sie empfänglich sind?
Ja, das ist oft so. Es sind Menschen, die auf der Suche sind nach jemandem, der ihnen sagt: Das ist richtig und das ist falsch. Das eigene Gespür dafür geht immer mehr verloren, je weiter die Überhöhung des Anführers fortschreitet. Kritische Gedanken fallen weg, je weiter die Unterwerfung fortschreitet. Viel Geld auszugeben, die sexuellen Grenzen immer weiter zu verschieben – viele Betroffene sagen uns: Ich habe das einfach nicht mehr gesehen, ich war nicht mehr objektiv. Am Anfang war da vielleicht noch ein komisches Bauchgefühl, aber je weniger ich darauf gehört habe und je enger ich mit der Gruppe war, desto leiser wurde es. Ein Guru nutzt diese graduellen Grenzverschiebungen für sich.

Glauben Gurus ihre eigene Ideologie?
Oft ist das so. Juristisch ist die Frage tatsächlich wichtig. Wenn jemand vorsätzlich etwas vorgaukelt, um den Leuten ihr Geld aus der Tasche zu ziehen, ist das Betrug. Wenn die Person selbst an den Hokuspokus glaubt, ist es rechtlich keine Täuschung. Viele Gurus überzeugen sich über die Jahre auch selbst davon, dass sie bestimmte Fähigkeiten haben. 

Gurus holen sich oft hintenrum von vielen Menschen Informationen über andere Mitglieder: Wer schläft mit wem? Wer hat was gemacht?

Wie das?
Vielleicht gab es mal einen Glückstreffer, eine Vorhersage ist eingetroffen, zu einer Kündigung zum Beispiel. Dann kann sich das immer weiter verstärken und der Guru glaubt irgendwann an die eigenen, scheinbar übersinnlichen Fähigkeiten. Sein Ego wächst außerdem immer weiter durch die Bewunderung, die er von außen erfährt. Zugleich holen sich Gurus oft hintenrum von vielen Menschen Informationen über andere Mitglieder: Wer schläft mit wem, wer hat was gemacht? Der Guru erscheint nach vorne als allwissend, hält sich schwammig. Er sagt nicht: „Renate, ich habe gehört, du bist fremdgegangen.“ Sondern er sagt: „Renate, ich spüre, dass du irgendetwas getan hast, das falsch war.“ 

Bei Sekten denken wir meistens an große Namen, an Gruppen, die landes- oder sogar weltweit agieren. An Scientology, an die Zeugen Jehovas. 
Dabei ist es sehr typisch heute, dass spirituelle Gruppierungen immer kleiner werden. Wir nennen das „Pulverisierung“. Kleine WGs, die sich gründen, Aschrams. Da sitzt dann ein Guru und bestimmt über das Leben, die Sexualität, den Beruf, über alles. Von außen bekommt man das gar nicht mit. Viele Gruppen haben auch einen Deckmantel, Konzepte, die für sich genommen gut wirken: Ökologisches Leben, Nachhaltigkeit, Körperkultur, Gesundheit, man isst nur, was selbst gepflanzt wurde. Das hört sich erst einmal okay und kann auch für normale Menschen ansprechend sein. Aber wenn man hinter die Kulissen blickt, merkt man, dass da etwas ganz anderes gelebt wird.

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Welche Fragen treiben die Menschen um, die sich bei Ihnen melden?
Es gibt Menschen, die haben den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen oder haben ihren Beruf aufgegeben, um in einem Aschram zu arbeiten. Die fragen uns dann: Was kann ich jetzt tun? In anderen Fällen geht es um Erbschaftsstreitigkeiten oder das Sorgerecht für die Kinder. Manchmal rufen auch Menschen an und sagen: Meine Frau ist in sehr esoterisch geprägten Zirkeln unterwegs, ich mache mir Sorgen. Angehörige fragen: Wie kann ich mich verhalten? Wie kriege ich meinen Onkel oder meine Tochter wieder raus aus dieser Gruppe? Auch Institutionen kontaktieren uns. Ein Beispiel: Eine Kommune möchte wissen, ob eine Gruppe, die eine Mehrzweckhalle mieten will, gefährlich ist. 

Der Markt ist mittlerweile pulverisiert. Es gibt so viele kleine Heiler, Coachings und unseriöse Angebote, dass wir häufig selbst erst einmal recherchieren müssen.

Können Sie immer direkt Auskunft geben?
Es gibt Gruppen, da wissen wir direkt, um wen es geht. Aber der Markt ist mittlerweile so pulverisiert, es gibt so viele kleine Heiler, Coachings und unseriöse Angebote, viele tausende von Namen, dass wir häufig selbst erstmal recherchieren müssen. Generell bieten wir eine Beratung an, stehen unter Schweigepflicht und erklären rechtliche Schritte, die Klienten vornehmen können. Aber es hängt vom Klienten ab, ob er die gehen möchte.

Haben die Menschen Schadensersatzansprüche, die sie der Gruppierung oder dem Guru gegenüber geltend machen können?
Oft möchten Menschen ihr Geld zurück. Haben einen Coachingvertrag unterschrieben oder bei einem Heiler Geld bezahlt und fordern das zurück. Wenn jemand als Heiler auftritt, aber weder Heilpraktiker noch Arzt ist, darf er keine Heilkunde anbieten. Rät er etwa von der Einnahme erforderlicher, ärztlich empfohlener Medikamente ab, kann er sich dadurch auch schadensersatzpflichtig machen. Oder die Menschen wurden ausgebeutet, haben umsonst gearbeitet. Es gibt Urteile, da haben Menschen im Nachhinein Geld für ihre Arbeitszeit bekommen. Dann gibt es sensible Themen wie sexuelle Übergriffe, die in religiösen oder weltanschaulichen Gemeinschaften passieren können. 

Sie drängen die Menschen aber nicht, rechtliche Schritte zu gehen?
Nein. Wir klären nur auf. Einige sind stabil und gefestigt. Andere sagen: „Ich bin einfach froh, dass ich aus der Gruppe raus bin, ich muss mich jetzt erstmal um meine Gesundheit kümmern, mich stabilisieren. Ich muss wieder im Leben ankommen und mit der Gruppe abschließen.“ Manche kommen nach einer Weile wieder zu uns, nach ein oder zwei Jahren, und sagen: „Sie hatten doch damals gemeint, es gäbe die Möglichkeit, Geld zurück zu bekommen. Damals war ich nicht aufnahmefähig, aber jetzt würde ich das gern versuchen.“ Wir respektieren das. 

Verschwörungstheorien beschäftigen uns nach wie vor sehr stark. Speaker, Motivations- und Persönlichkeitscoaches haben die Pandemie für sich genutzt.

Welche sektenartigen Gruppen dominieren derzeit?
 Verschwörungstheorien beschäftigen uns nach wie vor sehr stark. Zur Coronazeit hatten wir täglich mehrere davon auf dem Schreibtisch. Speaker, Motivations- und Persönlichkeitscoaches haben die Pandemie für sich genutzt: „Es wird alles immer dunkler, das haben wir ja schon immer gesagt.“ Aber auch fundamentalistische Gemeinden haben die Angst vor solchen Weltuntergangsszenarien ausgenutzt. Und die Angebote wurden angepasst, man ist vermehrt auf Onlinekurse umgeschwenkt. 

Können Sie sagen, wie viele solcher Gruppierungen es aktuell in NRW gibt?
Nicht wirklich. Es gab mal eine Studie der Uni Bochum, die sind von über 1000 Angeboten allein hier in NRW ausgegangen. Man kann die Szene kaum statistisch erfassen. Heute macht etwas Neues auf, morgen wieder zu. Aber man muss nur mal eine Esoterikmesse besuchen. Und dann sieht man, was da alles angeboten wird. Oder im Buchladen die Abteilung für Esoterik und Lebenshilfe anschauen, die ist oft riesig. Das sind Milliarden, die da mit Selbsthilfebüchern und anderen Hilfsmitteln umgesetzt werden. 

Angenommen, jemand liest dieses Interview, das wir hier mit Ihnen führen, und möchte sich melden. Wie gehen Sie dann vor?
Wir versuchen in solchen Momenten, einen ersten Kontakt aufrecht zu erhalten und den Menschen zu vermitteln, dass sie uns vertrauen können. Wir behalten alle Informationen für uns. Wenn möglich, lassen wir uns Materialien oder Flyer schicken, damit wir besser einschätzen können, in welcher Gruppierung die Menschen sind oder waren. Damit wir konkreter beraten können. Wie viele Gespräche oder Treffen dann passieren und ob die Leute sich eher rechtlich beraten lassen möchten oder vor allem psychologisch, all das sprechen wir individuell ab.

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