Prozess gegen VW: Der Selbstgerechte: Winterkorn hat die Justiz lächerlich gemacht

Wer sich vor Strafe schützen will, der darf sich nicht erinnern – so absurd diese Strategie klingt, so nützlich ist sie auch. Die Vernehmung von Ex-VW-Chef Winterkorn als Zeuge zeigt: Wirtschaftsvergehen scheinen im Zweifel nur Kavaliersdelikte zu sein.

Die Stimmung im Congress Saal der Stadthalle Braunschweig war gelöst: Es wurde gelacht und gekichert, der Mann mit Robe sprach zu dem älteren Herrn in der Mitte des Saals. Manchmal erinnerte es an Gespräche mit dem eigenen Großvater, der die Zuhörer mit seiner trockenen Art erheitert. Was nach einem komödiantischen Kammerspiel klingt, war nicht weniger als die Vernehmung eines der wichtigsten Zeugen zu einem der vielleicht größten deutschen Wirtschaftsverbrechen.

In den vergangenen beiden Tagen sagte Ex-VW-Chef Martin Winterkorn im Anlegerprozess gegen die Volkswagen AG aus – und machte den deutschen Rechtsstaat mit seiner Verteidigungsstrategie lächerlich. Denn die sah so aus: Immer wenn Richter Christian Jäde Zeuge Winterkorn fragte, ob er einen der dutzenden Belege – E-Mails, Notizen, Aufzeichnungen – für sein Mitwissen an der Manipulation der Abgaswerte bei Dieselfahrzeugen schon einmal gesehen oder davon gehört habe, antwortete Winterkorn: „Herr Vorsitzender, ich sehe dieses Schreiben zum ersten Mal.“ In einer amerikanischen Sitcom würde an dieser Stelle eine Lachkonserve eingespielt. Die Reaktion in einem deutschen Gerichtssaal: entwaffnete Stille von Seiten der Staatsanwaltschaft.

Die drei magischen Worte vor Gericht

Das Problem: Die Rechtsprechung hat kein Mittel gegen die drei magischen Worte eines Zeugen oder Angeklagten: „Ich erinnere nicht.“ Im Fall Winterkorn kommt dazu, dass die ersten Akte des Dieselskandals mehr als 20 Jahre her sind. Gleichzeitig: Schon im Jahr 2007 soll es Hinweise darauf gegeben haben, dass VW bei den Abgaswerten „schummelte“, wie man verharmlosend sagen könnte. Tatsächlich hat der Abgasskandal laut Staatsanwaltschaft Braunschweig einen Schaden von 78 Mrd. Euro verursacht.

Winterkorn auf einem Spiel des Basketballklubs des FC Bayern im Jahr 2018. Hinter ihm der wegen Steuerhinterziehung verurteilte Uli Hoeneß
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Gegen Martin Winterkorn läuft noch ein Strafverfahren unter anderem wegen mutmaßlichem Betrug und Falschaussage. Er ist unschuldig bis zum Beweis einer Schuld. Aber: Die US-Justiz hat internationalen Haftbefehl gegen ihn erlassen und die Braunschweiger Richter sehen einen „hinreichenden Tatverdacht“ – und damit eine „überwiegende Verurteilungswahrscheinlichkeit“ bei dem Ex-Manager wegen „gewerbs- und bandenmäßigem Betrug“. Der Überprüfung dieser Vorwürfe konnte sich Winterkorn durch gesundheitliche Gründe entziehen. Zwar bestätigten die vom Gericht bestellten Ärzte dies – von Stadionbesuchen beim FC Bayern hielten Winterkorn seine Hüftprobleme nicht ab.

Martin Winterkorn: vom Senior zum Pitbull

Als ihn Richter Jäde mit den Zitaten seiner Ex-Kollegen konfrontiert, die nahelegen, Winterkorn habe früh von illegalen Praktiken beim VW-Diesel gewusst, nutzt er die Chance, sie zu diskreditieren. Bernd Gottweis, der damalige Leiter des Ausschusses für Produktsicherheit bei Volkswagen, warnte Winterkorn im Mai 2014, dass in den USA „dramatische“ Erhöhungen der Abgaswerte beim VW-Diesel aufgefallen seien. Dazu sagt sein damaliger Chef heute: „Gottweis war für mich ein wichtiger Mann, aber er war jemand, der das Glas immer halb leer gesehen hat. Er hat sich Dinge angemaßt, da hatte er keine Ahnung von.“

STERN C Winterkorn Prozess16:40

Am Ende des zweiten Vernehmungstages zeigt Winterkorn damit, dass er nach wie vor rau sein kann – und keineswegs ein gebrechlicher Senior ist. Die Klägeranwälte nehmen ihn ins Kreuzverhör und der Ex-Manager, der die meiste Zeit ruhig und höflich geantwortet hat, wird auf einmal zum Pitbull. Er gestikuliert, sein Gesicht scheint sich rötlich zu verfärben. Als er gegen 16 Uhr aus dem Saal hinkt – seine Hüfte bereitet ihm offenbar nach wie vor Probleme – ist das Mitleid bei den meisten geschädigten Aktionären wohl eher gering.

Dieser Artikel erschien zuerst bei „Capital“, das wie der stern zu RTL Deutschland gehört.

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