Machtmissbrauch in der Filmbranche: „Gute Kunst muss ohne Leid entstehen“: Ein Gespräch über Missbrauch in der Filmbranche

Ein Schweizer Regisseur veröffentlicht einen Dokumentarfilm über seine teils gewalttätigen Auswahlmethoden. Die Teilnehmerinnen wehren sich. Sie drehen einen eigenen Film: „The Case You“. Er erzählt von Missbrauch. Ein Gespräch mit der Regisseurin Alison Kuhn. 

Was für eine Geschichte steckt hinter Ihrem Film „The Case You“?
Ich versammle da fünf junge Schauspielerinnen, die alle vor einigen Jahren zu demselben Casting eingeladen wurden, bei dem es zu systematischen Übergriffigkeiten kam. Der gesamte Film spielt auf einer Theaterbühne. In diesem konzentrierten Raum versuchen wir mit verschiedenen Mitteln zu erarbeiten, was genau damals geschehen ist, wie es dazu kommen konnte und was die Vorfälle heute für uns bedeuten.

© Urban Ruths

Wie kam es 2015 zu dem Castingverfahren des Regisseurs? 
Es sollte damals ein Arthouse Film entstehen, für den insbesondere junge, weibliche Schauspielerinnen gecastet werden sollten. Der Regisseur und die Produzentin schrieben diese auf verschiedenem Wege aus – über Filmvernetzungsplattformen, Schauspielschulen etc.

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Was ist den Schauspielerinnen dort widerfahren?
Es kam zu körperlicher und teils sexualisierter sowie psychischer Gewalt. Die Handgreiflichkeiten wurden von den Anspielpartnerinnen vor laufender Kamera im Rahmen der zu spielenden Szenen ausgeübt. Dies war scheinbar eine Ansage des Regisseurs, welche jedoch nicht mit den zum Casting eingeladenen Schauspielerinnen besprochen wurde, die schließlich während ihres Spiels davon überwältigt wurden.

Sie haben selbst an dem Casting teilgenommen?  
Ja, damals war ich noch auf der Schauspielschule. Es wurde über circa ein halbes Jahr hinweg in verschiedenen deutschen und Schweizer Städten gecastet und dabei wurde jede Gruppe Vorsprechender ein wenig anders behandelt. In meiner Casting-Gruppe hatte ich zwar das „Glück“, nicht körperlich angegangen zu werden – jedoch gab es diverse Übergriffigkeiten anderer Art, wie zum Beispiel auch den Missbrauch unserer Bildrechte, da das gesamte abgefilmte Castingmaterial von dem Regisseur und der Produzentin zur unabgesprochenen Herstellung eines „Dokumentarfilms“ verwendet wurde. Meine Protagonistinnen erzählen in „The Case You“, wie sie sich entschieden haben, dagegen Klage einzureichen. Diese haben sie glücklicherweise kürzlich gewonnen, jedoch Jahre später als erhofft.

© Lenn Lamster

Welches Problem zeigt sich hier?
Vor allem das steile Machtgefälle in derart hierarchisch aufgebauten Branchen wird durch einen solchen Fall sichtbar. Schauspielende sind auf Castings angewiesen, welche potenziell zu Engagements führen, die ihre Miete zahlen. Dem Filmteam ergeht es ähnlich. Wenn jedoch eine Person an der Spitze steht, die ihre Macht gezielt missbraucht, trifft sie hier auf einen guten Nährboden, der von Abhängigkeiten, Zukunftsängsten und Konkurrenzdruck geprägt ist. Hinzu kommt in Fällen wie diesen, dass erstmal jeder ein Casting ausschreiben kann – in diesem Fall stand eben auch kein Sender, kein großes Studio und kein Casting Director dahinter und die Machtposition des Regisseurs und seiner Produzentin war dadurch eine sehr autokratische.

Was war wiederum Ihr Antrieb, einen Dokumentarfilm darüber zu machen?
Ich fühlte mich durch diesen Vorfall lange machtlos und nutzte schließlich die Chance meines Regiestudiums an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, um proaktiv zu werden und das Vorgefallene künstlerisch zu verarbeiten. Was durch diese Gegeninitiative geschah, war sehr interessant – denn sowohl ich als auch meine Protagonistinnen bemerkten dasselbe: Ab dem Moment, in dem wir uns entschieden, diesen Film zu machen, fühlten wir uns auf einmal wieder stark. Durch die Gemeinschaft verschwand auch augenblicklich die Scham, welche für viele Betroffene ähnlicher Situationen eine der vorherrschenden Emotionen ist.

Alison Kuhn Film Trailer

Heute startet die Berlinale. Was muss sich in Ihren Augen in der Filmbranche ändern? 
Ich denke, die Filmbranche ist wie jede stark hierarchisierte Branche davon abhängig, dass die Personen in den hohen Rängen mit gutem Beispiel vorangehen. Ein freundliches und faires Arbeitsklima und Kommunikation auf Augenhöhe müssen zum Standard werden.

Braucht es in Deutschland eine Pflicht für sogenannte „Intimitätskoordinatoren“? Ausgebildete Menschen, die am Filmset über beispielsweise Sex-oder Vergewaltigungsszenen wachen?
Erstmal müsste es in allen Produktionen spezielle Budgets dafür geben. Dann fände ich es gut, sich zumindest zu verpflichten, dem Cast das Angebot der Zusammenarbeit mit einem Intimitätskoordinator zu machen und hier individuell auf Wünsche eingehen zu können, anstatt budgetär bedingte Einsparungen treffen zu müssen, die am Ende auf Kosten der körperlichen oder psychischen Gesundheit gehen könnten.

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Sie sind Regisseurin. Wie bereiten sie in Ihren Filmen Darsteller und Darstellerinnen auf gefährliche oder intime Szenen vor?
Ich persönlich möchte intime Szenen nicht mehr ohne Intimitätskoordinator drehen, wie ich auch eine Stuntszene niemals ohne Stuntkoordinator drehen würde. Wichtig ist auch, von vorneherein klar und offen zu kommunizieren, was die genaue Vision für das jeweilige Projekt und die entsprechende Szene ist. Ein erstes Gespräch dazu sollte schon im Castingprozess stattfinden, sodass frühestmöglich über Bedenken oder persönliche Grenzen gesprochen werden kann und Lösungen gefunden werden. Intensive Proben sind für intime oder gefährliche Szenen außerdem ausschlaggebend. Bestenfalls wird so gut vorbereitet in den Dreh gestartet, dass keine offenen Fragen mehr bestehen und man sich am Set auf die bestmögliche Umsetzung konzentrieren kann.

© Lenn Lamster

Warum ist Machtmissbrauch am Filmset ein so häufiges Phänomen?
Ich glaube, dass Menschen, die ihre Macht missbrauchen, damit oftmals eigene Unsicherheiten zu überspielen versuchen. Beim Film sind Unwägbarkeiten und Selbstzweifel allgegenwärtig. Anstatt diese mit Pragmatismus und Teamwork zu lösen, gehen manche Leute eben in eine aggressive Haltung. Durch das Image der schwierigen, aber genialen Künstlerpersönlichkeit, passiert es hier schnell, dass mit falschen Maßstäben gemessen und übergriffiges Verhalten legitimiert wird. Ich halte dieses Bild des „Enfant terrible“ für absolut überholt und sehe unsere Aufgabe als moderne Filmschaffende darin, zu beweisen, dass gute Kunst auch ohne Leid entstehen kann.

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