Tod eines Fahrrad-Aktivisten: Er nannte sich „Störenfried“. Nun soll sein tödlicher Unfall nicht vergeblich gewesen sein

Er zeigte Autofahrer an, die den Mindestabstand missachteten. Er fuhr nicht am Rand, sondern in der Mitte der Fahrbahn. Er kämpfte für das Radfahren, sah darin seine Berufung. Dann starb er bei einem Unfall. Wer war Andreas Mandalka, genannt „Natenom“? 

Blogschreiber Andreas Mandalka, bekannt als „Natenom“, kämpfte jahrelang für mehr Sicherheit für Radfahrer. Der Rad-Aktivist rüstete sein Bike mit Abstandshaltern aus und zeigte rücksichtsloses Verhalten von Autofahrern an. Nach seinem Tod treffen sich Aktivisten der Fahrradverbände an diesem Sonntag um 11 Uhr in Pforzheim, um an ihn zu erinnern. Bundesweit finden weitere Gedenkfahrten, Mahnwachen und Schweigeminuten statt. Wer war „Natenom“?

„Macht Dinge und hat Freude daran.“ So beschrieb er sich selbst, so stellte er sich in seinem Blog vor: Andreas Mandalka, 43 Jahre alt, Künstlername „Natenom“ aus dem Pforzheimer Stadtteil Hohenwart, hatte Freude insbesondere an der Natur. Er malte, zeichnete, und er fotografierte, was ihm auf seinen Radtouren rund um Pforzheim auffiel: Eiskristalle, eine einzelne Blüte in einer Winterlandschaft, ein Regenbogen, der Sternenhimmel über seiner Heimat. „Hab ich so noch nie gesehen“, schrieb er fasziniert darunter. Sein Markenzeichen war ein Elefant, das Logo seines Blogs. Ein Plüschtier begleitete ihn auf seinen Touren.

„Natenom“ war bei den Behörden bekannt

Täglich fuhr er bis zu 80 Kilometer mit seinem Rad. Wenn er Müll am Wegrand sah, sammelte er ihn ein. Entdeckte er eine gefährliche Stelle auf der Straße, informierte er die Polizei. „Natenom“ war bei den Behörden bekannt, weil er auch Autofahrer anzeigte, die beim Überholen den Mindestabstand missachteten. Der ist seit 2020 gesetzlich geregelt: Anderthalb Meter innerorts, zwei Meter außerorts. 

Die Unfallstelle zwischen Neuhausen und Schellbronn bei Pforzheim. Hier kam es am 30. Januar 2024 um 19.20 Uhr zu dem folgenschwweren Unfall.
© Waldemar Gress / Einsatzreport24

Radfahren sei kein Hobby, sondern „sein Beruf und seine Berufung“ gewesen, sagen Mitstreiter. Mandalka übte, wie viele Menschen mit einer Mission, eine magnetische Wirkung auf seine Umgebung aus. Die einen, vor allem passionierte Radfahrer, die ihn für sein Engagement schätzten, zog er an, andere stieß er ab. Dabei beanspruchte er nur, was ihm rechtlich zustand. Mandalka fuhr nicht am Rand, sondern in der Mitte der Fahrbahn. Um eine Art Schutzzone um sich zu markieren, nutzte er einen Metallstab mit roten und gelben Fähnchen und eine orangefarbene „Poolnudel“ aus Schaumstoff.

Das Fahrrad des verunglückten Andreas Mandalka. Auf dem Gepäckträger hatte er eine Schwimmnudel befestigt, die als Abstandshalter zu den Autofahrern dienen sollte.
© Waldemar Gress / Einsatzreport24

Die anderen, das waren Autofahrer, die hupten, schimpften, ihn schnitten, ihn nach dem Überholen mit Scheibenwischwasser bespritzten. Er filmte Autofahrer, stellte sie zur Rede, wurde einmal aus einem Auto heraus bespuckt. Anfang 2021, so berichtete er auf seinem Blog, sei er von zwei Motorradfahrern angegriffen worden. Sie hätten auf der Landstraße trotz Gegenverkehr dicht überholt und dann den Abstandshalter stark verbogen.

Der Kampf um die Straße wird härter

„Es reicht die reine Existenz als Radfahrer auf der Straße“, sagte Ansgar Hegerfeld, 31, verkehrspolitischer Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) in Frankfurt. Auch er werde beschimpft, sei mehrmals körperlich angegriffen worden, einmal sei ihm ein Autofahrer an die Gurgel gegangen.

Der Kampf um die Straße ist härter geworden. Der wird nicht nur in der Stadt, sondern auch auf Landstraßen ausgetragen. Gut ausgebaute Straßen sind für Radfahrer attraktiver als holprige Radwege. Auf Landstraßen würden sie aber von Autofahrern bedrängt, die die Straße für sich allein beanspruchten. „Auf der Landstraße fühle ich mich wie in der Mitte eines Zielfernrohrs“, sagt Martin Mäschke vom Pforzheimer ADFC. „Die Zündschnur ist kürzer geworden“, sagt Ansgar Hegerfeld. Das habe auch sein Rad-Kollege Mandalka zu spüren bekommen. Er wollte sich nicht an den Bordstein drängen lassen, kein Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse sein. „Er wollte Gleichberechtigung.“ Dafür habe man ihn in der Fahrradszene bewundert, „dass er seine Sache so konsequent durchgezogen hat.“ 

Der Unfallwagen: Die Spuren des Zusammenstoßes sind auf dem Citroen, mit dem ein 77-Jähriger den Fahrradfahrer angefahren hat, klar zu erkennen.
© Waldemar Gress / Einsatzreport24

In seiner Heimat machte er sich damit offenbar keine Freunde. Der „Südkurier“ zitiert einen Rentner aus der Nachbargemeinde Schellbronn, wo auch der Unfallverursacher leben soll: „Alle haben ihn gekannt, alle haben ihn gehasst, alle hat er provoziert, alle hat er angezeigt.“ War er ein sturer Rechthaber? Auf seinem Blog fällt auf, dass sich Mandalka um Differenzierung bemüht: „Die überwiegende Anzahl meiner Kfz-Fahrrad-Kontakte ist einwandfrei,“ schrieb er. „Mein Eindruck ist eher, dass es eine sehr kleine Gruppe von Autofahrenden gibt, die sehr laut ist und von denen die meiste Aggression ausgeht. Denn es sind oft dieselben Menschen, die mich knapp überholen, das Scheibenwischwasser aktivieren, dauerhupend und schnell überholen oder mich beleidigen.“

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Die allerdings wollte er sich vom Leib halten. Mit Abstandshaltern, Ermahnungen, auch mit Anzeigen. Mandalka hatte sein Mountainbike mit einem sogenannten OpenBike Sensor ausgestattet, der per Ultraschall den Abstand zwischen Rad und überholendem Fahrzeug misst. Zusätzlich dokumentierte er mit Kameras am Helm oder Seitenspiegel des Lenkers das andere Fahrzeug. 

„Natenom“ stellte Anzeigen – wieder und wieder

Bei Polizei, Staatsanwaltschaft und der Bußgeldstelle der Stadt Pforzheim fühlte er sich jedoch nicht ernst genommen. Es gebe dort „kaum Bewusstsein für die Gefahren, die von einem zu geringen Überholabstand ausgingen“, sagte Mandalka in einem Interview Mitte 2021.

Das städtische Ordnungsamt habe ihm geschrieben, man werde kleinere Fälle, bei denen den Verursachern ein Verwarngeld bis maximal 35 Euro drohe, „generell nicht mehr bearbeiten“. Die Stadt Pforzheim sagt dazu auf stern-Anfrage: Anzeigen von Privatpersonen würden grundsätzlich bearbeitet, ob eine Anzeige allerdings verwertet werden kann, hänge vom Einzelfall und vom Beweismaterial ab, ob beispielsweise der Verstoß eindeutig nachgewiesen werden kann oder der Fahrer ermittelbar ist. „Wir weisen zurück, dass unsere Bußgeldstelle eine weitere Bearbeitung generell angelehnt hat.“ Möglicherweise seien während der Pandemie wegen Personalknappheit Anzeigen unter 35 Euro „vereinzelt“ nicht mehr bearbeitet worden. Mandalka habe Anzeigen im „dreistelligen Bereich“ gestellt. 

Mandalkas Fazit lautete schon vor Jahren: Er werde von Behörden als „Störenfried“ betrachtet, „der nur Arbeit verursacht und den Verkehr stört.“ Fast alle Fälle seien von der Staatsanwaltschaft eingestellt worden, weil die Gefahr „zu abstrakt“ gewesen sei. Nur ein Fall sei verurteilt worden – „er fuhr beim Überholen mit seinem rechten Seitenspiegel unter meinem Lenker durch.“

Er befestigte Abstandshalter am Rad, anfangs einen Malerpinsel, den er am Straßenrand fand, später einen Metallstab, der 70 Zentimeter über den linksseitigen Lenker hinausragte. Damit sei er fast gar nicht mehr überholt worden, sagte er dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club  (ADFC). „Traurig daran ist, dass nicht die Sorge um mich als Menschen zu diesem geänderten Verhalten führt, sondern die Angst um das eigene Fahrzeug, sprich die Angst um den Autolack.“ 

Am Abend des 30. Januar war Mandalka wieder auf seiner Hausstrecke zwischen Neuhausen und Pforzheim unterwegs, auf einer gut ausgebauten Landstraße. Den parallel verlaufenden Radweg nutzte er nicht, weil der voller Schlaglöcher sei, wie er mehrmals gegenüber der Gemeinde Neuhausen kritisiert hatte, die entfernte darauf die Radwege-Schilder. Der Weg ist seitdem kein offizieller Radweg mehr, die Nutzung nicht verpflichtend.

Wie  es zum tödlichen Unfall kam, ist noch nicht geklärt

Ein Autofahrer, 77 Jahre alt, fuhr Mandalka mit seinem Citroen-Berlingo, einem Kastenwagen, an. Bilder des Unfallfahrzeugs zeigen die zertrümmerte Windschutzscheibe und eine tiefe Delle auf dem Dach. Mandalka wurde durch den Aufprall so schwer verletzt, dass er noch an der Unfallstelle starb. Auf der Landstraße darf maximal Tempo 100 gefahren werden. Warum und wie es genau zum Unfall kam, ist laut Polizei noch nicht geklärt. 

Grundsätzlich sei er mit hellem Scheinwerfer gefahren, sagt Ansgar Hegerfeld, Mandalka habe Warnweste und Helm getragen. Der Unfallfahrer soll im Nachbardorf leben. „Dieser Unfall ist kein Einzelfall, er wird als Unfall abgetan, obwohl er vermeidbar war““ so der ADFC-Sprecher. 266 Radfahrer und 208 Pedelecfahrer verunglückten 2022 tödlich. 

Am Sonntag um 11 Uhr demonstrieren Radfahrerinnen und Radfahrer in Pforzheim, ein Dutzend Verbände haben dazu aufgerufen, unter anderem Mitglieder von OpenBikeSensor, die ein „systematisches Versagen beim Schutz schwacher Verkehrsteilnehmer:innen“ kritisieren. Sie wollen ein weiß lackiertes „Ghost Bike“ aufstellen und mit einer Schweigeminute – „auf Wunsch seiner Familie“ – an den Aktivisten aus Pforzheim erinnern. 

Und ihre Forderungen nach mehr Sicherheit laut werden lassen: separate Radwege, konsequente Verfolgung von Verkehrsverstößen gegen Radfahrer und vor allem: „flächendeckende Tempolimits“. 

Dass sein Tod für politische Forderungen genutzt werde, sei im Sinne von Andreas Mandalka, sagt Ansgar Hegerfeld dem stern. Keiner wolle ein Held oder Märtyrer sein. Aber es sei durchaus gängig unter Fahrradaktivisten, dass sie sich dazu bereit erklärten, „dass der eigene Tod instrumentalisiert werden darf“. Wenn es schon geschehe, wie im Fall Mandalka, „dann war er wenigstens nicht umsonst“. 

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