Mahnwache in Berlin: Wie die Bauernproteste auf Telegram von Rechten vereinnahmt werden

Die Wut der Bauern scheint vorerst abgekühlt, doch auf dem Messenger Telegram brodelt es weiter. Rechte versuchen, die Zustimmung für die Proteste für sich zu nutzen – und die Grenze zwischen „gut“ und „böse“ verschwimmt.

Sein Name ist Comte-D’Artagnan, und seine Macht reicht von Hamburg bis nach München. Er mahnt und tadelt, schickt Menschen ins Exil und setzt Gesetze durch. Dabei ist der „Comte“ – wie seine Untergebenen ihn nennen – gar kein Graf oder Baron, er ist Administrator der größten Telegram-Gruppe zu den deutschen Bauernprotesten.

Die Gruppe heißt „Bauern&Verbraucher geeint“, sie hat knapp 28.000 Mitglieder. Nur ein Teil davon sind Landwirte – aber alle sind sie streitbar. In den Kommentaren unter den Posts des „Comte“ wird viel gezankt. Nur bei einer Sache scheinen sie sich einig: Sie haben die „Schnauze voll“.

Die Mitglieder der Gruppe finden die „#Ampelmussweg“, sie haben genug von Scholz, Lindner und vor allem von den Grünen. Sie unterstellen der Partei Planwirtschaft und nennen Landwirtschaftsminister Özdemir „Özdimist“. Gruppen-Administrator Comte-D’Artagnan hält die Empörungsmaschinerie mit immer neuen Posts am Laufen.

Bauernprotest: 500 Likes für Fake News eines Querdenkers

Besonders polarisiert hat ein Video vom 4. März: „Polizei kann B5-Blockade nicht räumen“ lautet der Titel. In dem Video „berichtet“ Marcus Fuchs, ehemals führender Kopf der Dresdner Querdenker, vom Ort der Protestaktion des 3. März, wo durch Gülle und Mist auf der Fahrbahn der B5 fünf Menschen verletzt wurden.

Fuchs sagt, dass „die Medien schon wieder tollkühnste Lügen darüber verbreiten, was hier denn für Unfälle passiert sein sollen“. Die Mitglieder der Gruppe „Bauern&Verbraucher geeint“ reagieren mit 500 Herzen, Likes und Lach-Smileys. In den Kommentaren unter dem Video entsteht jedoch ein Streit, bei dem Admin Comte-D’Artagnan erst einschreitet, als seine Unfehlbarkeit infrage gestellt wird.

Als Nutzerin „Roswitha“ schreibt, der hämische Inhalt des Videos sei „nicht lustig“, antwortet Nutzer „Holger Friedensfahrzeug“: „Es gibt Menschen, die so strunzdumm sind, dass sie sich und andere vorsätzlich in Gefahr bringen und es dann anderen in die Schuhe zu schieben versuchen.“ Er meint damit die verletzten Autofahrer, nicht die unfallverursachenden Bauern. Dafür gibt es 23 Likes und zwei Dislikes.

Bauernprotest: Netzwerk mit Zehntausenden Mitgliedern

Die Häme gegenüber ihren Gegnern aus Politik und Gesellschaft ist Programm bei „Bauern&Verbraucher geeint“ – und auch in den 16 Untergruppen, wo sich die wütenden Farmer auf Landesebene organisieren.

Dort verabreden sich die Mitglieder zu Veranstaltungen wie einer Mahnwache am 22. März in Berlin. Organisiert ist die Demo vom Bündnis „Zusammen Stehen Wir“, zu dem sich mehrere Vereine zusammengeschlossen haben. Im Impressum auf der Website des Bündnisses steht der Stendaler Handwerker Rainer Budach als Verantwortlicher. Er ist politisch unauffällig. Eine Verbindung zu rechts- oder linksextremen Gruppen ist nicht festzustellen.

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Ein aktuelles Statement auf der Website des Bündnisses: „Das Bündnis ‚zusammen-stehen-wir‘ distanziert sich eindeutig von Personen mit oder ohne politischen Hintergrund, die unsere friedlichen Proteste für Wahlkampf oder politische Hetze nutzen möchten. Ebenso distanzieren wir uns entschieden von jeglicher Gewalt. Unsere Demonstrationen werden weiterhin laut und friedlich stattfinden.“ Eine Abgrenzung zur AfD ist auf der Website nicht zu finden.

Bauernprotest: Landwirtschaft verbindet Deutschland

Einer der wichtigsten Akteure der Bauernproteste ist der Verein „Landwirtschaft verbindet Deutschland„, der 2019 als die Bewegung „Land schafft Verbindung“ gegründet wurde. Der eingetragene Verein ist bundesweit aktiv und verfügt über Organisationsstrukturen in mehreren Bundesländern. Bekanntester Sprecher des Vereins ist Anthony Robert Lee.

Der Verein stellt politische Forderungen und führt begleitende Protestaktionen durch. Wegen rechtspopulistischen Äußerungen von Vereinssprechern und bisher fehlender Abgrenzung zur AfD ist der Verein wiederholt in Kritik geraten.

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Eine Aussage des Bundessprechers Anthony Lee erregte besondere Aufmerksamkeit: In einem Interview auf einer Demo im Januar, wurde Lee gefragt: „Warum sind die Politiker hinter euch her? Warum wollen sie euch zerstören?“ Die Antwort des Posterboys: „Ich glaube, es gibt viele Gründe. Der wichtigste: Die wollen unser Land. Die wollen unser Land, um darauf Industrie zu bauen, Häuser. Häuser für Flüchtlinge oder wen auch immer.“

Bauernproteste: Sprecher Anthony Lee

Sprecher Anthony Lee ist besonders sendungsbewusst: Auf Facebook hat er mehr als 123.000 Follower. Bei YouTube haben 97.000 Menschen seinen Kanal abonniert. Lees Videos wurden dort bisher knapp 35 Millionen Mal aufgerufen. Die von ihm entwickelte Marke: „Landwirtschaft erLEEben mit Anthony Lee“.

Kanäle und Gruppen mit diesem Namen finden sich auch auf Telegram. Lee schreibt unter seine YouTube-Videos: „Es gibt keine Telegram Gruppen von mir!“ Das erscheint glaubhaft: In der Gruppe, die mit Lees Gesicht und Slogan wirbt, wird viel AfD-Content gepostet. Lee ist Anhänger einer anderen Partei: Bei der diesjährigen Europawahl geht er als Spitzenkandidat der Freien Wähler Niedersachsen ins Rennen.

Bauernprotest: Kontaktschuld und Trittbrettfahrer

Dieser Etikettenschwindel zeigt aber ein Problem der Bauernvertreter, das sie bisher nicht willig waren, zu lösen: Die Empörung der Landwirte ist nutzbar für Parteien und andere politische Akteure, die weiter rechts stehen als Anthony Lees Freie Wähler. Anhänger und Vertreter der AfD versuchen, die Bauern für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.

Gleichzeitig kokettieren auch Lee oder der FW-Vorsitzende Hubert Aiwanger mit rechtspopulistischen Themen. Der stern hat den Verein „Landwirtschaft verbindet Deutschland“ bezüglich seiner Haltung zur Alternative für Deutschland angefragt. Die Antwort: „Es besteht keine Nähe zur AfD.“

Mit radikalen Rechten in Verbindung gebracht zu werden, ärgert den Verein. Ihnen gehe es um die Sache der Landwirte – nicht den Systemumsturz. Auf Telegram haben sie die Deutungshoheit über ihren Protest jedenfalls verloren.

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